Vom Hotel aus geht es nochmals vorbei an Amsterdams tanzenden Häusern? Weshalb…. tanzend?
Es ist der Untergrund. Das sumpfige Gelände machte es nötig, die Gebäude auf Stelzen zu stellen, damit sie nicht einsinken. Aber der Boden arbeitete trotzdem weiter. So gerieten die Bauten in Schieflage. Selbst heute müssen die Pfähle regelmässig ersetzt werden. Ein Haus benötigt ca. 12 Pfosten. Ein neuer kostet über CHF 10‘000.
Mein Interesse gilt in diesem Sommer der Region Holland und Friesland und damit verbunden, dem ewigen Kampf gegen das Wasser. Ich habe deshalb die Reise „Grachten und Gezeiten“ gebucht. Am Hafen gleich neben dem Bahnhof erwartet mich die Excellence Pearl. Das kleinste Schiff der Schweizer Reederei. Es hat den Vorteil, auch schmale Gewässer befahren zu können. Out of the beaten track sozusagen.
Es geht auf diesem Schiff sehr privé zu und her. Die Crew mit Kapitän Johan begrüsst persönlich.
Am nächsten Morgen steht eine Grachtenfahrt auf dem Programm. Gut, das ist jetzt meine zweite, aber die war bei Dämmerung.
Der Himmel packt full Sunshine aus. Die Kommentatorin kommt auch gleich zum Thema.
Die Grachten sind insgesamt 100 km lang und wurden alle von Hand ausgegraben. Sie dienten dazu, das moorige Umgelände zu entwässern. Nur dadurch wurde es überhaupt möglich, hier eine Stadt zu entwickeln. Die Kanäle hatten einen weiteren Vorteil, indem Schiffe die Waren sehr weit in die Stadt hinein anliefern konnten. Eine hervorragende Basis, um zur führenden Handelsmacht ab 1600 aufzusteigen.
Die Kanäle sind übrigens nur 3 m tief. Davon benötigen in das Wasser geratene Fahrräder einen Drittel des Tiefgangs. Pro Jahr werden rund 12‘000 Stück aus den Grachten gezogen.
Am Mittag heisst es: „Leinen los!“
Die Pearl legt ab und nimmt Kurs nach Norden.
Kurz die Beine stecken und schon bald auf Position Sonnendeck. Die erste Zugbrücke macht uns den Weg frei. Beim ersten Mal ist gebanntes Zusehen angesagt. Später wird es normal.
„Fotoapparate bereithalten“, empfiehlt der Reiseleiter Arnold Niederberger, „die Windmühlen sind jetzt gleich zu sehen.“ Mehr Klischée geht nicht.
Malerisch präsentieren sich die diversen Mühlen mit ihren gegitterten Windrädern vor dynamischem Himmel. Was heute Touristenattraktion ist, diente früher zum Mahlen von Getreide, zum Holzsägen und vor allem zum Abpumpen des Wassers. Wir sind mitten im Poldergebiet angekommen. Die Niederländer sind Meister des Wassermanagements. Ca. 20% der heutigen Fläche des Landes haben sie dem nassen Element abgerungen und in Kulturland verwandelt. Wir funktionierte es?
Zauberwort: Deich.
Mit Hügelwällen werden See, Meer- und Sumpfgebiete „eingezäunt“. Danach wird das Wasser (heute elektrisch) herausgepumpt und abgeführt. Durch diese „Trockenlegung“ entstehen neue Gebiete. Diese liegen nicht selten unter Meeresspiegel.
„Mission completed!“ denkt man sich.
Doch keineswegs. Die Natur will ihr Gebiet zurück. Ständige Kontrolle der Deiche. Schutzmassnahmen wegen Hochwasser aus grossen Zubringerflüssen oder Stürmen bedingen ununterbrochene Aufmerksamkeit.
Vorbei an grasigen Weiten nähert sich die Pearl dem Etappenziel: Alkmaar.
Ein Muss: Der Besuch des „Waagplatzes“. Seit dem 14. Jh. besitzt die schmucke Stadt das Waagrecht.
Damals wie heute gilt ein festgelegtes Prozedere punkto Käseverkauf. An den Marktagen schichten die Käseträger publikumswirksam tausende von Käselaiben auf. Interessierte Käufer und Inspektoren bohren mit einen röhrenförmigen Werkzeug in den Kaas und ziehen etwas Material heraus und verkosten. Davon kommt das Wort „Stichprobe“.
Heute ist kein Markttag, aber eine Degustation von Gouda und Edamer gibt es allemal.
Die gemütliche Altstadt lädt zum Schlendern ein.
Das imposante Rathaus wartet mit abwechslungsreicher Architektur auf.
Die alten Bürgerhäuser erzählen an ihren Fassaden Geschichten, die nur die Insider kennen.
So musste einmal ein Bauherr übermässig lange auf die Baubewilligung warten. Als persönliche Message liess er die schmucken Löwen in sehr aussagekräftiger Position anbringen. Sie strecken dem Stadtwappen ihr „Füdli“ hin.
Mit einem breiten Schmunzeln endet der Tag.

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