Hautevolee

Kein Wunder hatte sich Hortense für diese Aussicht über den Untersee begeistert.

Von der Terrasse des Schlosses Arenenberg aus schweift der Blick in die Weite. 

Der See mit seinen karibisch anmutenden Untiefen leuchtet… und als hätte ein Maler die Streifen im Wasser scharf gezogen: Türkis trifft auf Azur. Jungfräuliches Hellgrün schäumt in den Ästen der Linden. In der Ferne grüssen die Vulkane des Hegau und vis à vis erstreckt sich die Halbinsel Reichenau.

Es war eine Zeit der Odyssee. Hortense, widerwillig mit Napoleons I Bruder verheiratet, musste  - wie alle Bonapartes - Frankreich verlassen. Das war einerseits ihre Chance, um zum Ehemann auf „Distance“ zu gehen (dieser zog nach Italien, was sie nicht unterstützte). Also Quo vadis Hortense? Viele Dynastien zierten sich und wollten nur zögerlich Napoleons Verwandte aufnehmen.

Man hatte genug von den Bonapartes. Schliesslich erklärte sich der Kanton Thurgau bereit, Hortense Asyl zu gewähren. 

Diverse Burgen/Schösser standen der blaublütigen Madame zur Auswahl. Das baufällige Arenenberg machte das Rennen. Hier sollte ihr Sohn Louis Charles Napoleon aufwachsen.

Hortense brachte das französische Savoir Vivre in die rurale Region. Das Haus wurde aufwändig und liebevoll restauriert. 

Der gesamte Hausrat dislozierte von Paris nach Salenstein. Berühmtheiten dinierten an ihrem Tisch und gaben sich die Klinke in die Hand. 

Das Interieur trimmte 

Hortense mit Absicht auf Napoleonisch. Auf dass ihr Sohn zum Fan und Nacheiferer seines grossen Onkels heranwachsen möge.

Dieser verlebte hier - abgesehen von den verhassten Lektionen mit dem Privatlehrer - eine traumhafte Jugend. Apropos Bildung: „Uhhh nai“, Französisch war nicht seins. Sein breitester Thurgauer Dialekt schlug sich penetrant in der Aussprache nieder, was Hortense zum verzweifelten Seufzen brachte: „Mon dieux, son accent est vraiment très très terrible!“


Louis und seine Mutter kamen sehr gut miteinander aus. Und doch war der Jüngling froh, wenn Madame im Winter ins sonnengeküsste Rom verreiste. 


Sturmfreie Bude!


So oft er konnte, sattelte Louis seinen prächtigen Rappen. Beide teilten miteinander ein überschäumendes Temperament und so preschten sie in unerlaubt hohem Tempo durch die Unterseedörfer. 

Es ging die Kunde, dass sie von Ermatingen nach Konstanz nur 15 Minuten benötigt hätten. Für solch freches Rasertum kassierte er einst (nur einmal?) eine Busse. Er bezahlte den doppelten Preis mit der Bemerkung: „Ich berappe auch gleich die Strafe für den Rückweg!“

Der joviale Louis traf sich oft bei seinen Ausritten mit den lokalen Kollegen zum Bechern, doch vornehmlich galt sein Augenmerk der Damenwelt. 

Die Herzen flogen ihm nur so zu. Es ist nicht bekannt, unter wie vielen Krinolinen er sich vergnügt hat, aber er scheint seine Chromosomen im ganzen Einzugsgebiet hüben und drüben des Rheins verteilt zu haben. Deshalb: Gentests würden auch heute noch Überraschendes zu Tage befördern. Ist es ein Zufall, dass seine spätere Frau plante, eine Stiftung für „gefallene“ Mädchen“ zu gründen?

Seine Eskapaden schienen seiner Beliebtheit keinerlei Abbruch zu tun. Er gründete den Schützenverein und sorgte für viele Arbeitsplätze in der Region und förderte so den Wohlstand der Bevölkerung. Als höchste Honoration, wurde ihm das Ehrenbürgerrecht des Kantons Thurgau verliehen (bis heute das einzige, das der Kanton je vergab).

Der frischgebackene Schweizer Louis Charles Napoleon Bonaparte trat sogleich ins Militär ein und liess sich in Thun zum Artilleristen ausbilden. 

Sein ballistisches Können wollte er auch privat vom Arenenberg aus mit einer eigenen Kanone auskosten. Auf der gegenüberliegenden Insel Reichenau tönte es jeweils: „Raus aus den Kartoffelfeldern… geht in Schutz…. Louis schiesst!“

Die flegelhaften und glücklichen Jugendjahre endeten abrupt mit dem frühen Tod seines Cousins und einzigem legalen Sohn des grossen Napoleons. Louis rückte auf Platz 1 der Thronfolge. Nun entfaltete die napoleonische Erziehung seiner Mutter die gewünschte Wirkung. 


Louis fühlte sich berufen, in seinem von Revolution und adeligem Machtpocker zerrissenen Heimatland, das politische Parkett zu betreten. Dazu der Einfachheit halber kurz: Sein Weg gestaltete sich hochdynamisch. Gescheiterte Putschversuche, Verbannungen nach England, dann doch gewählter Staatspräsident und später, als er seinen Stern als demokratisch gewähltes Oberhaupt sinken sah, Flucht nach vorn: 

Die autoritäre und nicht legitimierte Ausrufung zum Französischen Kaiser Napoleon III. Für seinen höfischen Status benötigte er jetzt eine valable Gemahlin von Stand. 

Keines der grossen Häuser mochte einem Bonaparte eine Tochter sponsern, so fand er Eugenie (eine spanische Baronesse) auf einem Fasnachtsball. 

Die Krone, die Eugenie anlässlich Kaiserkrönung trug, ist übrigens jene, die beim kürzlich beim Raub im Louvre vom Motorrad fiel und beschädigt wurde.

Das matrimoniale Duo Louis & Eugenie funktionierte erstaunlich gut. Eugenie war es auch, die ihrem Mann das geliebte Arenenberg im Geheimen zurückkaufte und schenkte (er musste es in der Verbannung wegen Geldnot verscherbeln). 

So kam es, dass Napoleon III vereinzelt in Arenenberg auftauchte und seine Freunde traf: Wie komisch, wenn der Emperor im astreinen Ostschweizer Dialekt fragte: „Wa git‘s neus?“ 


Wenn auch Louis militärisch in Europa unglücklich agierte: Paris wäre ohne ihn nicht Paris.

Sein grösster Verdienst ist, dass er die Stadt, die zu einer miesen Kloake aus Dreck und Cholera verkommen war, (abgesehen von historischen Gebäuden) komplett niederreissen liess. Er engagierte den ikonischen Städteplaner Georges Eugène Haussmann und sie planten die Capitale auf dem

Reisbrett neu. 20‘000 Häuser taten sie dem Erdboden gleich und später wurden 40‘000 neue aufgestellt, angeschlossen an ein modernes Kanalisationssystem. Es entstanden die prachtvollen Avenues, Flanier Boulevards, Plätze und Promenaden; der einheitliche Architekturstil gefiel den designaffinen Augen der Besucher und die genial sternförmig platzierten Bahnhöfe sorgten für optimale Erschliessung. 


So hinterliess er ein unglaubliches Vermächtnis, von dem wir heute alle profitieren. Der Zauber der Stadt der Liebe entstand unter Louis Regentschaft.


Die wenigsten wissen es:


Paris, wer hat‘s erfunden?

Ein Thurgauer!



Ich empfehle, eine Führung durch das Schloss Arenenberg zu besuchen und für den interessant bestückten Museumsshop ein gut bestücktes Portemonnai mitzubringen.

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Kommentare: 10
  • #1

    Roland H. (Dienstag, 07 April 2026 17:08)

    suuuper interessant, liebe franziska, einmal mehr! ����

  • #2

    Bea Huwiler (Dienstag, 07 April 2026 20:35)

    Liebe Francesca Du bist
    Einfach großartig
    Toll das Du uns auch in Schweiz Sehenswürdigkeiten näher
    bringst
    Freue mich auf ein Wiedersehen cari saluti
    Bea

  • #3

    Ursula Tandler (Dienstag, 07 April 2026 21:12)

    Ein äusserst interessanter und amüsanter Rückblick in die napoleonische Zeit�
    Mir wird wieder einmal gewahr, was für Trouvaillen wir in unmittelbarer Nähe hätten! Eines der nächsten Ziele!
    Herzlichen Dank für den spannenden Tipp❣️
    Ursula �

  • #4

    Jeannine (Dienstag, 07 April 2026 22:50)

    Herzlichen Dank liebe Franziska für diese intellektuelle Augenweide…

  • #5

    Dorte (Mittwoch, 08 April 2026 11:04)

    Dort wollten wir vor Jahren hin, war aber leider geschlossen. Werde ich wieder auf meine Liste nehmen, jetzt habe ich ja deine fantastische Beschreibung dazu!

  • #6

    Albert Müller (Mittwoch, 08 April 2026 13:14)

    Herrliche, kunstvolle Bildaufnahmen von Zimmern im Schloss Arenenberg, wobei das "Interieur trimmte" - da musste ich im Duden nachschauen, was das eigentlich heisst: "zweckmässig verstauen" bzw. in diie "optimale Lage" bringen - das ist bei mir beim Schlafengehen...
    Herzlichen Dank aus Zug

  • #7

    Annalies (Mittwoch, 08 April 2026 16:39)

    Liebe Francesca, wie immer sehr interessant und spannend . Höchste Zeit nochmals hinzugehen.
    Herzlichen Dank und liebe Grüsse.

  • #8

    Vreni (Freitag, 10 April 2026 18:24)

    Spannend und treffend formuliert, ein Hoch auf dich und Louis

  • #9

    Georges (Freitag, 10 April 2026 18:27)

    Tönt wie erfunden...sehr erstaunlich!

  • #10

    Rena de la casa (Donnerstag, 16 April 2026 16:58)

    Spannende Story
    Arenenberg
    Fast wie ein Krimi
    Paris
    Wer hats erfunden?
    Nein, nicht Ricolaaa
    Ein Thurgauer Louis
    La nouvelle Paris!
    Merci, françoise