Brilliant

Es ist noch früh am Morgen. Durch die Vorhänge blinzelt die Sonne. Die EUROPA 2 hat die Nordsee verlassen und gleitet auf dem spiegelblauen Wasser der Schelde Richtung flussaufwärts.

Vororte und sanfte Auen prägen das Bild. Schliesslich der Hafen. Einer der grössten unseres Kontinents. Von Ferne sehe ich schon die Wahrzeichen dieser aussergewöhnlichen Stadt. Sie hat sich mit Kaiserwetter herausgeputzt. ANTWERPEN. 

Ich freue mich riesig, nach drei Jahren nochmals hier zu sein. Meines Erachtens ist die kleine City (500’000 Einwohner) bei Globetrottern und Co. viel zu selten auf dem Radar. Dabei war und ist sie der Wirtschaftsmotor der Region. Mit ihrem Faible für Mode, moderner Architektur, Welthandel, Kunst und Historie, bietet sie Reisenden einen fast unerschöpflichen Fächer von Erlebnissen. Ich werde deshalb auch Einiges einfliessen lassen, das mich bei meinem ersten Besuch beeindruckt hat. Eine kleine Geschichte mit sehr hohem Überraschungseffekt inklusive. 

Die Busrundfahrt führt uns zunächst in den nördlichen Teil der Stadt. Die Lokalpolitik sinnierte vor gut 20 Jahren, wie man mehr Touristen anlocken könnte. Man kam zum Schluss, man müsse eben was Cooles bauen. Seit 2016 funkelt ein neues Wahrzeichen am Hafen. Leider konnte Stararchitektin Zarah Hadid  ihr Meisterwerk nicht mehr einweihen. Über dem alten Hafengebäude platzierte sie ein Glasobjekt halb Schiff, halb Diamant. Wenn die Sonne oder Scheinwerfer ihr Werk verrichten, gleisst das Gebäude in hellem Silber. 

Noch ein Kreativtipp für einheimische Schweizer Baufachleute. Das historische Hafengebäude steht unter Schutz und durfte vom Neubau nicht berührt werden. Trotzdem schwebt das 500 Arbeitsplätze umfassende Diamantschiff über der Altsubstanz.

Das zweite neue Wahrzeichen besuchen wir im Anschluss. Im alten Hafen leuchtet seit 2011 das MAS, Museum am Strom. Ganze elf Etagen kann ich mittels Rolltreppen hochfahren und die innovative Architektur bestaunen.

Auf den diversen Levels sind kleine, aber sehr interessante Ausstellungen platziert. 

Oben auf der Plattform schliesslich die herrliche Aussicht, natürlich auch auf die EUROPA 2, die fussgängig zur Altstadt an der Pier liegt.

Besonders stolz sind die Einheimischen auf ihren Bahnhof. Er scheint konkurrenzlos schön zu sein. 

Seine Erbauer achteten aber auch auf jedes Detail. So erlaubten sie sich auf der Uhr die römische Vier ( IV) als vier Striche darzustellen IIII. Das sei eben der Optik so geschuldet!

Die Führung findet schliesslich ihren Abschluss in der Altstadt mit den berühmten spitzgiebligen Handelshäusern 

und der Kathedrale, in der auch mehrere Rubensbilder zu sehen sind. 

Das Geviert hat so viel Caché, dass ein Abendbesuch vom Schiff aus zeitlich machbar ist. 

Die Atmosphäre verleitet zum Bleiben. Fritten, Bier und Süsses. Es ist schon dunkel, als es an Bord zurückgeht. Bei einem letzten Drink schweifen meine Gedanken zurück in den August 22 als ich mit Interrail und Rucksack in Antwerpen ankam und im damals noch unbekannten Botanic Sanctuary übernachtete. 

Offenbar hatte das Haus erst gerade das Soft Opening hinter sich. Ich war so begeistert, dass ich 2 Nächte verlängerte, was mir schliesslich auch das folgende Erlebnis ermöglichte.

Nach dem Motto: „Diamonds are a girl‘s best friends“, wollte ich unbedingt in die Welt der edlen Steine eintauchen. Zu diesem Zweck werden extra Führungen durch das Diamantenviertel angeboten. Jawoll… das ist es. Aber leider scheint mein Wunschdatum online nicht available. Das ist ein Fall für die Rezeption. „Bedaure“,  säuselt der Concierge:, „Samstag ist Shabbat. Alles geschlossen im Viertel“. „Ok,  dann Sonntag oder Montag?! Hüstel Hüstel… er windet sich. „Madame… die jüdischen Geschäftsleute sind vornehmlich in den Ferien jetzt.“ „Mais oui… aber das ist doch ein 5 Sterne Hotel oder? Sie können was zaubern.“ Er kneift die Lippen zusammen. „On verra Madame … on verra.“ 

Am Sonntagmorgen tritt er beim Frühstück an meinen Tisch. Man hätte jetzt einen Führer. Und jetzt mit hinterhältiger  Strategie: „Kosten: 250 Euro!!, Madame.“ Entgegen seiner Annahme, ich würde nun abwinken, pokere ich hoch und nehme an.

Der Concierge hebt sehr erstaunt seine linke Augenbraue und trollt sich davon. Demain: 10.00! 

Ich begebe mich des sonntags auf ein unterhaltsames Windowshopping und erfreue mich an den stylischen Schaufenstern 

und drehe eine Runde im Bad und im Garten. 

Kommt Zeit, kommt Fortune.

Kurz vor Beginn des Diamantenwalks stellt sich eine Begleiterin (und Mitzahlerin ) ein. Eine Zahnärztin aus Dubai. Unser Stadtführer zeigt uns zuerst den hübschen Stadtpark 

und bald sind wir im Diamantenviertel. Wie vorgewarnt, sieht hier alles empty aus. Graue, abgelebte Eisenrollläden verdecken die Geschäfte. Aber dort hinten ist eine Scheibe zu sehen. Nichts Grossartiges. Bescheiden. Aber eine Sicherheitsschleuse ist vorhanden. Unser Cityguide scheint sichtlich nervös. Wir schleusen und auf der andern Seite wartet ein Herr mit Brille und einem herzlichen Lächeln. Unser Guide stottert fast ehrfürchtig: Darf ich vorstellen: „Herr Patrick de Landtsheer, einer der renommiertesten Diamantenhändler und Schmuckdesigner auf dem Platz Antwerpen, wo 80% aller weltweit getradeten Rohdiamanten durchkommen“. 

Da sind wir jetzt unverhofft bei einem absoluten VIP der Szene gelandet, der gewöhnlich Royals und andere Nobelklientel ausschliesslich auf Termin empfängt. Er führt uns durch seine hochkarätige Vitrinenausstellung und meine Erwartung ist, dass wir nach dem höflichen Shakehand in zehn Minuten wieder auf der Gasse stehen. 

Weit gefehlt. „Ich habe heute Zeit; meine Schleifer haben tatsächlich Urlaub, aber einer muss ja die Stellung halten“, lächelt er.

„Kommen Sie doch in mein Büro!“ Auch da nichts von mondänem Interieur. Ein sehr einfacher Raum. Fotos von der Familie und mit dem belgischen König, anlässlich der Verleihung eines Ordens. Awards „Antwerps most brilliant“ (Zertifizierung für hohe Standards von Herkunft und Ethik).

Jetzt bekommen wir an seinem Schreibtisch Unterricht. Die 4 Cs der Diamantenkunde. Carat Gewicht ( 1 Karat = 0,2 gr.), Cut Schliff, Clarity Reinheit ( Einschlüsse), Color Farbe. 

In Herrn Landtsheers Augen beginnt es zu funkeln, wenn er auf meine Frage hin von seinen Lieblingsschmuckstücken erzählt, die er in letzter Zeit designt hat. Es war ein 50 Karat Rauchdiamant mit Lanzettenschliff. Ich spüre: Es geht nicht um Geld; es ist Passion für das Schöne. 

Meine Begleiterin interessiert sich plötzlich für ein Paar Diamantohrringe. Herrlich wie diese Leidenschaft nun ganz live durchbricht. Akribisch wird nun in den Dateien der Börse, die sich im Gebäude befindet, das perfekte Paar gesucht. Beide Stücke sollten natürlich möglichst ähnlich sein; ein Laie würde das nie merken. Schliesslich wird man mit zwei Vorschlägen fündig.0,75. und 1 Karat. Kleine Papierbriefchen werden angeliefert. Die Präzieosen kullern auf eine Samtmatte. Es wird probiert. Paar Nr. 1  Euro 50‘000 und Paar Nr. 2 Euro 100‘000. Herr Landtsheer und ich finden die Kleineren besser passend.  Die Kundin scheint aber eher von den Grösseren angetan. Alles weitere werde ich nicht erfahren. Ich denke, es ist Zeit für einen diskreten Rückzug. Noch ein herzlicher Händedruck, ein Foto, die Schleuse.

Ich schlendere voll erfüllt und beeindruckt durch die Strassen; lasse mich treiben und verwöhnen von Design und Kunst.

Im Hotel zurück, grinst der Concierge. Ich weiss nicht, was er erwartet, aber als ich ihm das gemeinsame Foto zeige, fällt er fast über den Tisch der Rezeption. Er starrt ungläubig. „Madame, man kann IHN nicht einfach so treffen!“

Ich lächle und geniesse. Antwerpen wird mir unvergesslich bleiben. 


Durch einen Kunsttunnel zurück auf die EUROPA  2. 

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Kommentare: 9
  • #1

    Pierre (Dienstag, 15 Juli 2025 15:58)

    Well done���

  • #2

    Claudia Hess (Dienstag, 15 Juli 2025 16:34)

    Beim lesen kam es mir irgendwie bekannt vor. Bin jeweils eine stille Leserin - DANKE für’s erneute teilen.

  • #3

    Irmgard (Dienstag, 15 Juli 2025 17:02)

    Meine Reiselust für Antwerpen ist geweckt. Ich liebe ganz besonders die Erzählung mit dem VIPDiamantenhändler.

  • #4

    Rena de la casa (Dienstag, 15 Juli 2025 18:11)

    Superb, Francesca- die Fotos und die Bilder machen ‚gluschtig‘ für einen Besuch in Antwerpen. Auch ganz ohne special private Tour

  • #5

    Ursula (Dienstag, 15 Juli 2025 20:49)

    Spannend, sehr spannend!!
    Aber auch ohne Diamantentour bekommt man Lust auf Antwerpen!

    Danke, liebe Francesca, dass du uns auf deine brillante Kreuzfahrt mitnimmst!
    Freue mich auf die weiteren Hotspots.
    Weiterhin genussvolle Ankerplätze!

  • #6

    Barbara (Donnerstag, 17 Juli 2025 01:43)

    Ja, deine Eindrücke über Antwerpen wecken meine Reiselust. Ich lebte 1998-1999 in Brüssel und war beruflich oft in Antwerpen, hatte nie die Zeit diese tolle Stadt zu entdecken. Das neue Wahrzeichen der City sieht cool aus ! Ich freue mich bereits auf deine nächste Story

  • #7

    Cornelia (Donnerstag, 17 Juli 2025 14:37)

    …. Ich komm ja gar nicht so schnell hinterher …
    Schöne! Hadid-Fotos … mit oder ohne Rubi (Rubens)?

  • #8

    Susanne H (Donnerstag, 17 Juli 2025 15:48)

    Einfach super. Danke liebe Francesca. Hatte Antwerpen gebucht, dann kam Corona. Noch immer aufgehoben, aber nicht aufgeschoben für mich.

  • #9

    Colette (Dienstag, 22 Juli 2025 15:40)

    Antwerpen ist wie back to the roots. Lebte dort 90/91 und dann regelmässig geschäftlich zu Besuch zwischen 96-2001. Es hat sich ja sehr viel getan. Deine Stories machen Lust auf ein neuen Besuch!