Im Hoch

„Ahh…da wirst Du ja immer schönes Wetter haben“, so der Kommentar der wenigen Eingeweihten in Bezug auf mein nächstes Reiseziel. Diese Einschätzung teilte ich denn auch voll und ganz. „Azoren = Sonne satt“, dachte ich in enthusiastischer Vorfreude. 

Ich habe mit Rui abgemacht, der zu meiner Überraschung mit einem nigelnagelneuen Prachtsschlitten beim Terra Nostra Hotel vorfährt. Nach einen herzlichen „Bom Dia“, hätte mich seine erste Frage schon alarmieren müssen. „Regenschirm dabei?“ „Hmmm … strahlend Blau… aber gut… zur Sicherheit“. Ich wandere zurück zur Rezeption. Statt einem eleganten Knirps, wuchtet man mir einen gut 90 cm hohen Stock in die Hand mit einer Textilfläche eines halben Zeltes. Oha lätz!

Rui lächelt milde und verstaut mich e-klassig samt Paraplui im gefederten Fonds des Wagens. „Unsere Lage im Atlantik ist speziell - unser Wetter ist speziell. An einem

Tag kannst Du mehrere Jahreszeiten erleben. Die Azoren sind die Wetterküche Europas. Wenn sich eines dieser bekannten Hochs bildet, zieht es meist von uns weg und beglückt das Festland, während wir dem bunten Treiben der Wettergötter ausgesetzt bleiben. Diese können stündlich ihre Meinung ändern.“ 

Mir geht ein Licht auf: „Ja natürlich muss es hier viel regnen. Tausende von blauen  und weissen Hortensienkugeln säumen die Strassenränder. Ihr lateinischer Name Hydragenia (Hydra/Wasser) tragen ihre Präferenzen bereits im Namen; sie betrinken sich locker mit 15 Litern Hydra pro Tag. Nun denn, ich bleibe zuversichtlich. Die Picos des Kraterrandes leuchten in saftigem Grün. Die Beleuchtung perfekt. Nur die blubbernden Vulkantöpfe entlassen weisse Schwaden. 

Bald ist die Kuppe überwunden. Der Blick gegen das nördliche Meer wird frei. Azur azur azur. Wir biegen ab und kurven durch die noch unberührten Wälder der Ostküste, die touristisch eher weniger im Fokus steht. Das schicke Städtchen „Nordeste“ trug lang den Übernahmen „10. Insel“, weil die Anfahrt kompliziert war. (Heute gibt es eine Autobahnverbindung). 

Die Einwohner hegen und pflegen ihr Dorf. Es ist einen Besuch wert und liegt nahe von zwei sensationellen Aussichtspunkten. 

Petrus hat sich inzwischen in Position gebracht. Er türmt über den bewaldeten Abhängen eine Portion Bleiwolken auf, die bedrohlich heranrücken. 

Noch ein paar schnelle Schnappschüsse sind erlaubt. 

Ich flüchte ins Auto und die Scheibenwischer betreiben umgehend ihr hektisches Kernbusiness. Auf gut Schweizerdeutsch: „Äs lääärt abe!“

Das tut der malerische Wasserfall an der Wegstrecke Richtung Westen auch, aber sehr grazil. 

Merci merci, die himmlischen Schleusen haben sich geschlossen. Fototime vor cascadischer Kulisse. 

Auf nach Ribeira Grande der zweitgrössten Stadt von Sao Miguel. (Gesamtbevölkerug Sao Miguel: 140‘000, alle Azoreninseln zusammen 240‘000). Inzwischen wurde der Sonnenschein wieder angeknipst. 

Bei angenehmen 20 Grad lässt sich auf der Piazza gemütlich ein Espresso kredenzen und vielleicht noch ein Fofa? Eine Art Eclaire. Kinder kreischen, alte Männer sitzen hier und tratschen über die Inselnews. Kühe, Wetter, Touristas…. Gelassenheit pur. Was interessiert uns die Welt. 1.5 Stunden Flug nach Lissabon; 4.5 Stunden Flug nach Boston. Wir sind wir.

Und Tee machen wir übrigens auch selber.

Der einzige Ort in Europa, wo Tee produziert wird, beeindruckt mich. Lieblich fallen die terrassieren Plantagen in Richtung der Küste ab. Es ist gerade Erntezeit. 

Mit uralten Maschinen werden die Blätter hier frisch verarbeitet. Es rattert…. es duftet. Der Grüntee birgt übrigens ein farbiges Geheimnis. Wenn man ihn mit Wasser aus einer bestimmten Quelle aus Furnas aufkocht, färbt er sich pink.

Die Nordküste verzückt mit weiteren Miradores (Aussichtspunkten). Iria…. bin ich in Irland? 

Später eine Landzunge mit Elefantenfelsen und schaurigen Lavakliffs, die sich wie gefrässige Ungeheuer in die Brandung fressen.

Endlich geht es Richtung Höhepunkt. Die Kraterlandschaft der Sete Cidades. 

Leuchtende Wiesen und Hügel weisen den Weg in die Höhe. Und genau jetzt werfen die Nebelgeneratoren die Maschinen an. Am Kings Point  (vista do roi) ist alles möglich. Die Traumsicht auf die zwei Kraterseen, einer blau und der andere grün oder Mattscheibe. 

Die Caldera ist so riesig, dass 7 Städte (sete cidades) darin Platz hätten (so sahen es die ersten Siedler). Offensichtlich habe ich die Variante 0-Sicht bzw. grau-in-grau gebucht. Schon etwas enttäuschend, auch wenn die Katalogbildli ziemlich fotoshopmässig aufgepimpt sind und gewisse Aufnahmen nur mit einer Drohne so zustande kommen können. 

Rui weiss aber aus Erfahrung, dass mit etwas Zeitinvestment noch Verbesserungen möglich sind. 

Auf der Fahrt hinunter zur Brücke klart es auf und zauberhafte hellgrüne Flecken überstreuen die Wasserflächen.  

In der Ferne ist schon Ponta Delgada zu sehen, das wir in 30 min. erreichen. So geht hübsche Platzgestaltung. Die weiss-schwarzen Pflaster vermitteln Fröhlichkeit. 

Die neubarocken Kirchentore kontrastieren perfekt. Schattenspende Bäume und feurig- rote Blumenbeete laden zum Verweilen.

Es ist keine Schicki-Micki Stadt und Party-Spot. Gemütlich… einfach. 

Zu guter Letzt schauen wir noch in einer Indoor Ananas-Plantage vorbei. Der einzige Ort auf der Welt, wo die süssen Köstlichkeiten in Gewächshäusern kultiviert werden können. Exportiert wird nicht. Wieso auch. So süss. 

Die Runde schliesst sich. Rui führt mich zurück nach Furnas. Er hat die Erkundung der Insel zu einem herrlichen Erlebnis gemacht.

Das Wetter: Jetzt Strahlend!

Ich bin im HOCH!

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Kommentare: 6
  • #1

    Claire (Sonntag, 09 Juni 2024 19:45)

    Deine bildstarken Beiträge machen Lust, die Orte wo Du gerade bist kennenzulernen!
    Viel Spass noch auf den Azoren�

  • #2

    Susanne, Unterägeri (Sonntag, 09 Juni 2024 19:46)

    Einmal mehr - spannend, bunt, interessant. Danke Franziska, für den erneut herrlichen Reisebericht, der wahrlich gluschtig macht. Susanne

  • #3

    Dorte (Sonntag, 09 Juni 2024 19:58)

    Schöne Reise mit vielen Erlebnissen �����

  • #4

    Petra Becker (Sonntag, 09 Juni 2024 20:08)

    Sehr schön und vielen Dank.
    Herzlichst, Petra

  • #5

    Albert Müller (Sonntag, 09 Juni 2024 20:38)

    Du bist im HOCH und "hoch soll sie leben". Als Bäckerzünfter ist mir der Begriff Eclair bekannt, nicht aber Fofa (?). - Weiter so und Dank für die herrlichen Aufnahmen.

  • #6

    Rena de la casa (Montag, 10 Juni 2024 22:22)

    Die Azoren gilt es wahrlich zu erkunden, da gehören die Wetterkapriolen dazu.
    Anschaulich erklärst du, ganz locker. Bin gespannt auf die Fortsetzung.