Quinten lebt

Manchmal dauert es eben ein bisschen länger… oder ein sehr langes Bisschen.

Joel ist extra für mich mit seinem Boot angelandet… hier im Hafen von Murg. Ein big Hug …. endlich sehen wir uns wieder. Es ist Frühling 2022. Und genau die gleiche Szene spielte sich im Herbst 2019 ab. Da war ich auf Rekognoszierungstour  (und jetzt wieder) für eine Fahrt ins Blaue, welche schliesslich - wir ahnen es - im 2020 nicht stattfand, 2021 nicht stattfand.

Aber JETZT!!!! HEUTE. Nun darf ich schriftlich loslegen. Das Geheimnis ist gelüftet. 

Derweil heulen die Schiffsmotoren auf. Wir halten Kurs auf das gegenüberliegende Ufer des Lag Rivaun (rätromanisch für Walensee; See der Welschen). Das Wasser glänzt in tiefem Schwarzgrün; fast könnten sich die Zacken der dominierenden Churfirsten auf der Seenplatte spiegeln. Am Gestade inmitten von Rebhängen leuchten die Häuser von Quinten in der Sonne. Nur per Schiff oder per Pedes ist das Gandria der Nordschweiz und wärmster Ort Helvetiens zu erreichen.

Wir haben noch ca. zehn Minuten Fahrt. Näher … näher. Und nah ist der Flecken auch an Joels Herz. Er kam vor einigen Jahren hierher… blieb… und fand seine Mission: „Quinten darf nicht sterben“. Im Mittelalter war das Örtchen sehr viel grösser. Man hatte Einkommen. Die Habsburger und Co. nutzten  fleissig den Seeweg, den die Quintener mit ihren Schiffen im Griff hatten und Maut für die Fahrten verlangten. Zarter Tourismus kam später hinzu. Aber 1858 schnaufte sich die erste Eisenbahn durch die Tunnels am südlichen Ufer. Quinten verlor Bedeutung

Einige Winzer blieben. Die Jungen zogen aus. Die Schule schloss 1970. Noch ganze 32 Personen zählte das Dörfchen und es würden immer weniger….  und das war sicher nicht die Vision des Neuankömmlings Joel Schmid. Unermüdlich, kreativ und voller Tatendrang lotete er die Möglichkeiten für die Zukunft aus. Heute steht er der „Stiftung Quinten lebt“ vor. Und da wird gekämpft, Gas gegeben und mit unkonventionellen Ideen die Zukunft gestaltet.

Ich bin so gespannt, was mir Joel alles zeigen wird. Vorher aber noch einen Abstecher ganz privée zu seinem Wohnhaus  am See mit Brennstube. Die antike Taucherhaube muss ich natürlich ausprobieren. 

Noch ein Gläschen Quintener und nun geht es aber los. 

Zuerst ein Märschchen ins Hotel. Zwischen Rebstöcken und Trockenmauern hinauf zur Traumlocation mit Superbe-Sicht über das Wasser und in die Berge. 

Leider kein Bett frei“, schmunzelt Joel. „20’000 Zimmer offeriert das Raupenhotel und alle besetzt. 

Auf der Suche nach Verdienstmöglichkeiten für die Einheimischen entdeckten wir die Seidenproduktion. Im 19. Jahrhundert wurde diese hier betrieben. 

Wo Wein wächst, gedeihen auch Maulbeerbäume. 

Diese haben wir wieder hier angepflanzt. Gut 600 Kilo Blätter futtern die Raupen bis sie sich in den teuren Kokon wickeln. In Zusammenarbeit mit Swiss-Silk können wir hochwertige Produkte herstellen.“

Das Portemonnaie mit Pünktli hat es mir angetan (merci Joel!) und das Quintener Red Bull „Purlymunter“ aus Maulbeerblättern auch. 

Ich trinke langsam; die Sicht will genossen sein.  Auf den Apéro an diesem Plätzchen können sich die Fahrt-ins-Blaue-Gäste wirklich freuen. 

Auf den Spaziergang hinunter erfahre ich vom täglichen Kampf. Plötzlich wollte die Post nicht mehr nach Quinten kommen, jetzt übernehmen zwei einheimische Frauen das Austragen. Zustellung gerettet, Minijobs geschaffen. Beim Internet spielte man auch das „tote Männchen“, dank Einschaltung der Medien,  ging es dann plötzlich.

„Und wie läuft es mit einem neuen Sofa für die gute Stube?“ „Da muss schon ein ganzes Ladyschiff aufgeboten werden.“

Inzwischen sind wir bei der Kapelle St. Berhard angelangt. Ihr Zwiebelturm erklettert verspielt den Himmel. Hier finden neu auch Konzerte mit hochkarätigen MusikerInnen statt, die auch im Winter Besucher anlocken. 

Und einige Schritte entfernt: Der Stolz der „Stiftung Quinten lebt“. Das „Dörfli 1370“.

Durch glückliche Fügung konnte die Stiftung unlängst ein baufälliges Objekt im Zentrum erwerben. 2019 stürchelte ich noch im Rohbau herum, nun bei meiner Rückkehr, was für ein Bijoux. 

Das Boutique B&B mit vier Gästezimmern ist ein seehnsüchtiger Geheimtip zu jeder Jahreszeit. Im Restaurant Tremondi verwöhnen Alain und Jessica Gäste, die eines der Zimmer erhaschen konnten und jene, die wieder mit dem Kursschiff nach Drüben müssen.

Das erleichterte Pendeln über den See ist Joels neustes Projekt. Bald soll das erste wasserstoffbetriebene Shuttleboot der Schweiz in Dienst gehen. Die saubere Verbindung für alle ist bald nicht mehr Vision, sondern Tatsache.

Ich bin begeistert. So viel in so kurzer Zeit bewegt. Aber ich weiss, es braucht auch Support.

Danke Joel für Dein grosses Engagement.


quinten-lebt.ch



„Und …. Ach ja… Joel, kann ich Patin eines Maulbeerbaumes werden? Aber nur, wenn es noch eine Flasche „Purlymunter“ gibt!“

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Kommentare: 6
  • #1

    Michel Planson (Mittwoch, 25 Mai 2022 23:25)

    Merci Franziska
    Comme toujours une balade poétique zvec beaucoup de charme
    ��

  • #2

    Chris Menth (Donnerstag, 26 Mai 2022 00:38)

    Danke Franziska. Wieder ein wort- und bildgewaltiger, imposanter Blog. Beim Lesen fühlt man sich mittendrin und die Entdeckungslust ist geweckt - auf nach Quinten!

  • #3

    Georges (Donnerstag, 26 Mai 2022 04:09)

    Superb erzählt

  • #4

    Rena de la casa (Donnerstag, 26 Mai 2022 08:33)

    Herrlich, dein Bericht mit allen Neuigkeiten und der Farbenpracht dieses Bijou am Walensee. On y va…
    Merci Francesca.

  • #5

    Bea Huwiler (Donnerstag, 26 Mai 2022 15:38)

    Cara Francesca
    Es ist jedesmal ein grossartiges Erlebnis Deine Berichte zu lesen die das Herz berühren
    Wann bist Du wieder einmal

    an einem CIRCLE Anlass?
    Zum 10. in Stans ?
    Mille baci vom Lago Maggiore

  • #6

    Albert Müller (Donnerstag, 26 Mai 2022 17:48)

    Warum denn in die Ferne schweifen - Quinten liegt so nah...Dank für die herrlichen Aufnahmen!