Baerlachs Comeback. I I

.... es ist ein kleiner, beiger Envelope, ich öffne und noch kleiner die message:


18.00 Strandweg 2 Parking Erlach 18.30 Navette“


Das Städtchen Erlach.... natürlich... wär ja nicht Bärlach!!!


Eindrücklich .... jedes Dörfchen hier ... pardon Städtchen....hat sein Schloss... seine Burg. 


In Erlach herrscht um 18.00 Uhr noch geschäftiges Treiben. Die Boote kehren heim. Vom Zihlkanal her oder vom Bielersee. Dazu Fahrräder allenthalben.  Ich halte Ausschau nach „Navette“.  Ein Wegweiser. Er führt in einen verwunschenen kleinen Hafen. Aha.... ein Bootstransport... hmmmm privé... edel. Rechtzeitig tuckert ein Schifflein heran. Der Bootsführer hat mich, Suchende, entdeckt. Er winkt. Er ruft: „Francesca?“

„Ein Treffen auf See?“ jagt es in meinen Gedanken.


Ich rechne im Schiff  mit Tschanz. Fehlanzeige. Ein Berg von deutschstämmigem Mann lotst mich an Bord. „Wohin geht es denn?“ Der Kapitän grinst breit hinter seiner Sonnenbrille. 

Die Navette hat nur wenig Touren. Jetzt Erlach-St. Petersinsel.“ 11 Personen könne er maximal mitnehmen und so auch zu später Stunde noch den Tenderdienst  zwischen Erlach (und Lüschenz) und dem Klosterrestaurant besorgen. (Vorbestellung erforderlich). Ich strahle. Schon lange wollte ich die Insel besuchen, die jetzt ja eigentlich eine Halbinsel ist. Die Seeabsenkung (1868, Juragewässerkorrektur) führte dazu. Per Pedes oder mit dem Rad kann man den vier Kimometer langen Weg bewältigen oder per Kursschiff und pas mal per Navette. 

Ich bin der einzige Gast. Wir gehen es gemütlich an. Nach gut 20 Minuten erkenne ich in der Ferne das ehemalige Kloster, das heute ein Restaurant, Hotel und Gutsbetrieb ist. 


Im lichten Schatten der ufernahen Ahorne versteckt sich die Anlegestelle. 


„Ihre Kontaktperson erwartet Sie um 19.30 im Hof. Schauen Sie sich in aller Ruhe die Umgebung an“, meint der Skipper und reicht mir die Hand zum Aussteigen. 

Eine besondere Welt. So muss es auch Jean-Jaques Rousseau empfunden haben, als er sich vor den Anfeindungen seiner Gegner an diesen Ort der Stille flüchtete. Der Platz atmet Harmonie, Heile Welt. Keine Autos, alles Bio. 

Die Angus Mütterkühe weiden ihre Kälber auf satt grünen Wiesen. Das Korn steht in vollster Maturität. Die Grannen erwarten den Schnitt. Da und dort erdreistet sich das freche Rot des Wiesenmohns. Ich wandle auf Rousseaus  Pfaden. 

Das Turmührchen mahnt die halbe Stunde. Ich betrete den Hof. Nicht wenige Gäste vergnügen sich zu Tische im lauschigen Karrée.  Nur ein Herr sitzt alleine. Über 60. Den Rücken zur Mauer mit dem lila Lavendel; den Blick  auf das Entrée. Er fixiert mich. Auf seinem Tisch: Der Aschenbecher gut gefüllt. Bärlach ist Kettenraucher. „Gestatten Sie?“ frage ich leise. Bärlach ist nicht die Sorte Mann, die sich jetzt erheben würde. Eine Handbewegung, ein Nicken; das muss genügen. „Haben Sie mich gefunden.“

Das ist keine Frage. Es ist eine Feststellung. 

Er schiebt mir die Speisekarte hinüber. „Ich nehme das Rindstatar (handgeschnitten) mit Cognac verfeinert und Sie?“ Seine Wahl ist keine Überraschung. Bärlach gilt als Hobbykoch und Feinschmecker. 

Ich bleibe lokal mit dem kalten Inselteller, für den Bärlach später nur ein Schnauben übrig haben wird, weil die delikate Erlacher Treberwurst fehlt. (Wust in Traubentrester gekocht). 

Der Gesprächsfluss gestaltet sich vorerst zäh. Wir haben uns beide nicht gesucht. Eine gastronomische Schicksalsgemeinschaft, mehr nicht. Über das eigentliche Pièce de Résistance fällt keine Silbe. Auch nicht als Bärlach zum Dessert noch den „kleinen Peter“ bestellt, der sich als veritable Portion Vanilleeis mit caramelisiertem Schlagrahm entpuppt. 

Ich versuche deshalb den Gesprächsfluss mit Excursionsneugier anzukurbeln. Er als Gourmet wüsste doch sicher einige Tipps in der Region. Gesprächstechnisches Tauwetter kommt in Sicht.


„Also das Châteaux  Salavaux nahe dem Murtensee würde ich jedem Fleischliebhaber empfehlen. 

Maître Schauss-Villiger ist Affineur de viande und pflegt mit Hingbe die zarten Stücke am Knochen.  Das „Rapunzel-lass-Dein-Haar- herunter-Feeling“ gibt es im Traumschloss mit 16 Zimmern und Seminarräumen inklusive.“ 

Die finale süsse Verführung wartet im Traditions-Tea-Room von Murten. 

Jedes Törtchen eine Sünde. Nachher zwecks Kalorienbilanz 

und punkto Gwunder mindestens einmal den Stadtgraben mit Turmsichten abwandern.“ 

Bärlach zückt das Portemonnaie. „Sie sind natürlich eingeladen. Jetzt, un peu aufgetaut, bringt er fast ein Grinsen zustande „Staatskosten!“ Berner Beamte sind hier oft gesehene Gäste!“

Nun neigt sich Bärlach etwas vor, senkt die Lautstärke. „Besuchen Sie doch noch Roussaus Zimmer im 1. Stock.“


„Zum Glück, denke ich, schade, wenn ich es verpasst hätte.“

Ich wollte da sowieso hin und erleichtert entferne ich mich; steige die Treppe hoch. Ein spartanisches Zimmer. Buchbände... Tafeln über das Leben des Philosophen. 

Es geht nicht lange. Bärlach steht im Türrahmen: „Rousseau, ein besonderer Denker; die Welt wäre besser!“ Er zeigt auf einige Sätze; dann abrupt: „Kommen wir zum Geschäftlichen?“ Ich krame meinen Umschlag hervor; Bärlach nimmt ihn an sich, öffnet die Lasche. Er greift sich das Speichermedium, hält es prüfend vor sich, bevor er es in der Jackentasche verschwinden lässt. Ein kleines Lächeln der Genugtuung huscht über sein Gesicht. 

„Gehen wir. Ihr Transport wartet!“

Wir schreiten zügig durch die Kornfelder, die Wiesen. Sanfter Wind bewegt die Ähren. Abendrot schimmert durch die Bäume. 

Bärlach beginnt ohne Aufforderung, ohne Bezug zu unserem vorgängigen Gespräch, zu sinnieren. „Wissen Sie, weshalb ich meinen Beruf so geliebt habe?“ Ohne meine Antwort abzuwarten: „Der Gerechtigkeit wegen. Und die steht nicht immer auf der Seite des Staates. Manchmal treibt sie haltlos zwischen dem Gesetz, der Ethik und der Realität. Danke Francesca, dass Sie mir diese Informationen zugespielt haben. Wissen Sie, diese sind schlecht für unser Land. Schlecht für Bern. Schlecht für mich, schlecht für Sie. Eigentlich schlecht für jeden.“ 


Ich habe jetzt ein „wieso“ auf den Lippen. Aber Bärlach zeigt unmissverständlich auf das Navette, das wir inzwischen erreicht haben. Ein wortloser Befehl: „Einsteigen!“ 

Dann erklingt nochmals seine Stimme. „Noch ein Letztes, Francesca: Der Ort der Übergabe war kein Zufall. Rousseau! Erinnern Sie sich an die Tafel... dort im Zimmer mit seinen Worten: Dieser Satz ist der Sinn meines  Engagements, meines Kommens.“

Die Natur schuf den Menschen glücklich und gut; aber die Gesellschaft verdirbt ihn und macht ihn elend.“

Der Schiffsmotor  heult auf. Bärlach hebt kurz, sehr kurz die Hand zum Gruss: „Adieu !“ Ich lege ab... ich verstehe nicht, was er noch sagt... ich verstehe gerade gar nichts. Ich bin schon 20 ... 30 Meter weg. Ich beobachte, wie er, Bärlach, noch dort steht, am Ende der Mole, wie er lange auf das Wasser schaut, wie er in seine Jackentasche greift. Wie er zwei Schritte zurück tritt, Anlauf nimmt. Im hohen Bogen sehe ich das Metallstück fliegen. Wie ein Funke reflektiert es den letzten Strahl, mit dem sich der couché de soleil noch am Tage festhält. Glühend trifft der Stick das Nass, taucht, versinkt, konzentrische Kreise im graphitschwarzen Wasser hinterlassend. Das Teil wird  ohne Zweifel im sumpfigen Grund  verschwinden. Es dämmert rasch. Ich erkenne Bärlachs Silhouette. Einige Sekunden sieht er wohl den Ringen an der Oberfläche zu. Schliesslich dreht er sich, läuft bedächtig auf dem Steg zurück ans Ufer. Die Nacht verschluckt ihn. 

Nahe den Büschen am Seeweg flackert im Sombre ein Streichholz. Ein oranger Punkt poppt unter den Blättern der Silberweide auf. Eine Zigarette, Bärlachs Zigarette, intensiv aufleuchtend...ein tiefer Zug. 


Bärlach hat sich entschieden.

......







Das Hupen eines Schiffes... einmal , zweimal , dreimal....

Ich schrecke auf. Ich liege auf der Chaise de Récréation  im Palafitte. Die MS Roussau rauscht vorbei. Lachsfarbene Wolken künden den nahenden Abend. 


 Was für ein spannender Traum!

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Kommentare: 5
  • #1

    Maria (Donnerstag, 02 Juli 2020 23:23)

    Schade, hatte mich auf Fortsetzung gefreut��

  • #2

    Annalies (Freitag, 03 Juli 2020 11:29)

    Wirklich spannend und das innerhalb der Schweiz. Danke für die schönen Bilder und den Text. Weiterhin schöne Träume...und einen schönen Sommer

  • #3

    Albert Müller (Freitag, 03 Juli 2020 17:05)

    Herrlich und historisch bedeutsam, vor allem Erlach - nicht Bärlach - DANKE

  • #4

    Rena de la casa (Samstag, 04 Juli 2020 14:19)

    Sinnierend schweifst du, Francesca, vom Krimi Genre ab in philosophische Gebilde. Rousseau (und Bärlach?!) hätte seine wahre Freude an deinen Gedanken, doch sag, wie stehts mit der Umsetzung?

  • #5

    Cornelia (Mittwoch, 08 Juli 2020 12:59)

    Lieben Dank, hatte, wie bei all deinen Erzäglungen, das Gefühl dabei zu sein ...