Pablissimo

„Wie nehmen Sie IHN auf diesem Bild wahr?“ Mit dieser Frage holt der in Portraitmalerei promovierte Führer der Fondation Beyeler unsere Gruppe schon mitten ins bewegte Leben von IHM. Ich sehe einen abenteuerdurstigen Jungspund und feurigen Gigolo. Andere einen Torrero... oder ... oder. Natürlich dürfen alle Recht behalten und jeder wird nun seinem PICASSO selbst begegnen.


Ich nehme es vorweg.... ja es lohnt sich.

Mittels Einsatz einer Versicherungssumme von vier Milliarden Schweizer Franken wird dem Besucher ein fast historischer Augenschmaus geboten. 

Einige Gemälde stammen sogar aus streng geheim gehaltenen Privatsammlungen; diese Präziosen werden vielleicht wieder für Jahrzehnte unserer Bewunderung entzogen sein.


Die Ausstellung nimmt einem von Beginn weg mit in die jungen Jahre des Meistros. Hatte dieses eingangs erwähnte Selbstbildnis mit seinem orange-blau-Kontrast noch Temperament und eine Art Lebensneugier versprüht, wendet sich der Eindruck bereits beim nächsten Halt des Rundganges. 


Der nur wenige Jahre ältere Picasso starrt mich nun aus gespenstisch, weissem Gesicht an. Ein alter Mann. Sein enger Freund Carlos Casagenas hatte sich aus Liebeskummer das Leben genommen. Picassos Trauer, seine Depression,  kennt nur eine Farbe: BLAU. 


Im Masterpice des Raumes (voll mit blauen Bildern) verarbeitet er seine Auseinandersetzung mit dem Leben. „La Vie“ lässt laut dem Experten viel Interpretationsspielraum.

Der junge Mann auf dem grossformatigen Werk ist sein Freund Carlos, die schwarzhaarige Frau, sich anschmiegend, wohl dessen Möchtegern-Freundin, eine Tänzerin, die seine Liebe nicht erwiderte. Mehr liess Picasso über die Bedeutung der Figuren, obwohl er ja über 90 Jahre alt wurde, nie durchblicken. So nehme ich mir die Freiheit, nur das linke Drittel des Bildes (mit dem Paar) ansprechend zu finden. Ich erwandere die Gesichter der beiden. Wie unglaublich elegant die Gesichtszüge. Jeder Schönheitschirurg hätte seine helle Freude an den schmalkanntigen Nasen, den etwas spitzen Kinnpartien und den länglich-wohlgeformten Ohren. 

Wir dislozieren in die nächste Halle. Picasso hat seine seelischen Abgründe durchwandert.... verliebt sich in Madeleine, von der es keinen Nachnamen gibt. Und sachte... ganz sachte kehren die Farben zurück. Fast elfengleich, im porzellanweissen Hemdchen, verewigt er seine Muse. Von unten haucht sich eine Ahnung von Rot  (oder doch eher Rotbraun) in die Staffelei. Die „Rosa Periode“, beginnt. 

Auch hier finde ich wieder ähnliche Gesichtszüge, wie beim Lebensbildnis. Hat der Meistro bei den Portraitierungen mehr seiner eigenen Schönheitsideale gehuldigt als dem Original? Da ich selbiges noch in andern Darstellungen finde..... nun ich bin nicht Expertin.... aber er fand seine Käufer.... und offenbar traf er den Geschmack der Zeit.

Auf Sujetsuche verlor sich Picasso in dieser Zeit in Paris oft in der Welt der Schausteller und Artisten. Es sind nicht die Momente von Witz und Schabernack auf der Bühne.... nein dann, wenn das Licht erloschen ist.  Backstage. Knabenhafte Figuren, in sich versunken. Von zarter Statur. Fast zerbrechlich. Man möchte sie in den Arm nehmen. Ihnen Wärme geben. 

Sie haben ihre Possen, ihre Saltis, ihre Tänze verkauft für ein paar Lacher und ein paar Brocken karges Essen. Minutenglücks-Verkäufer ohne eigenes Fortün. Wenn sie dem Publikum kein Gelächter, kein „Hurra“ mehr entlocken....wird ihnen der Zirkusdirektor, sie halbjagend, die Türe weisen....wird der Vorhang ihrer letzten Hoffnung fallen. 


Ganz anders der Künstler Picasso. Er verdient mit ihrer Solitüde gutes Geld und wagt Neues. Er lässt sich von den Schnitzereien früherer Kulturen sowie der afrikanischen Stämme inspirieren und beginnt die Körperlichkeit zu vereinfachen. Flächigkeit hält Einzug. 


Abtrennung von Körperteilen, wie bei der Artistenfamilie, wo ich den Kopf des Säuglings seltsam deplaziert vorfinde. 


Zwei Bilder des gleichen weiblichen Aktes zeigen die Mutation fast 1:1. Der Kubismus ist geboren. Der Meistro hat sich in neue Spären der Malerei gepinselt. 

Unser Guide entässt uns noch mit einer leicht wehmütigen Bemerkung, wonach das MOMA New York leider das wegweisende Bild „Les demoiselles d’ Avignon“ nicht für diesen Kunstevent herausrücken wollte. 


Im nächsten Zimmer warten schliesslich, didaktisch gut geplant,  die Picassos der bekannten Art. Kubismus pur. Verzogene Mäuler, abgekoppelte Gliedmassen.....Ein wildes Zerhacke der Anatomie unter gewagtem Farbeinsatz. Nicht meins.... aber der Schöpfer hatte sicher Spass dabei; Modelle brauchte er dafür ja auch keine mehr... weder mit griechischen noch römischen Nasen. 

43‘000 Oevres hat er erschaffen. Mein Respekt und den vor allem für seinen Mut zur Metarmorphose. Von dieser harlekinesken zarten Traurigkeit zu dieser frechen Demontage unserer Gegenständlichkeit. 

Durch die hohen Fensterscheiben der Fondation blinzelt die Frühlingssonne, eine zügige Bise kräuselt leicht das Wasser des Atriums. Die Reflektion zaubert  gräulichweisse Wellen auf die leeren, hohen Innenwände des Museums. Ich trete mit tiefem Luftzug ins Freie. „Veronika... der Lenz ist da!“


All die Informationen und Eindrücke rufen geradezu nach „Verdaulichkeit“.

Das Restaurant in der alten Villa bietet dazu eine variantenreiche Karte. Ich glaube, Picasso hätte es mir gleich getan und das Tatar gewählt. Bei diesem Gericht ist ja auch schon alles in die Einzelteile seziert. Zerhackt, zerteilt. Und wieder neu zusammengefügt.......

 und die Dekoration kann neu interpretiert werden. Der Kräcker als Herz, der Zwiebelring als Auge, der Peperoni als abgewinkelter Arm. Der Meistro und ich; wir finden uns. Ich spüre Kreativität. Die Ausstellung hat mich inspiriert.

Danke, Pablo, das war ein ganz besonderer Tag.“     Die Perlen des Champagners tanzen am kalt beschlagenen Kelch. 


Pablissimo!

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Kommentare: 1
  • #1

    Teutrine Gabriele (Dienstag, 26 Februar 2019 07:02)

    Lieben Francesca�
    Vielen Dank für den schönen Beschrieb über deinen Besuch der Picassoausstellung.
    Ich durfte sie in Paris sehen und war ebenfalls beeindruckt.
    Dies aber aus deinen Eindrücken nochmals erleben zu dürfen ist einfach wunderbar.
    Lieben Gruss und Danke
    Gabi