Terra intimissima


Eine innere Stimme sagt mir: „Es wäre, glaube ich, nicht verkehrt, wenn Du eine Reisetablette einwerfen würdest!“ Es ist 6.29 Uhr, als Omanair WY 154 ihre Räder auf die Piste des nigelnagelneuen Flughafens von Maskat setzt. Die Crew hatte einen tadellosen Flug hingelegt, notabene den besten Humus servierend, der je meinen Gaumen verwöhnte. Meine Entscheidung findet Minuten später Bestätigung. „Assuf“ steht im traditionellen weissen Gwand bereit. Er hat einen sanften Blick, eine ruhige Stimme.

Nach den üblichen Höflichkeiten, mit denen sich Reisefüherer an die Kundschaft heranpirschen, bereitet er mich vorsichtig auf das Tagesprogramm vor, das ich ja wollte, aber mir doch noch nicht ganz so klar ist, was eigentlich genau stattfinden würde. Seine minutiöse Aufzählung entspricht meinem Gusto, bis er meint: „Du wirst am Schluss sehr müde sein .....alle sind das, wenn sie die 3 stündige Offroadstrecke über das Hadjargebirge überstanden haben!“ und er bekräftigt die Aussage mit einem breiten Grinsen. „Aha.... denke ich... die Reisetablette war wohl das richtige Frühstück. Ich bin aufgeregt. Ein Tor in eine neue Welt würde sich mir öffnen.


Mein Koffer findet im 4x4 - Ungetüm locker neben einer Kiste Eiswürfel und dem Lunchpaket Platz. „Das Auto ist da oben auf 3000 Metern extrem wichtig“ erzählt Assuf. Toyota und Nissan duellierten sich auf diesem Markt. Der Nissan habe mehr Power,aber der Toyota sei wendiger und stabiler. Deshalb fahre er Toyota. „Du wirst sehen: Sehr verlässlich!“ Als Einstimmung geht es aber erst mal stadtauswärts zum Fischmarkt. In Gegenrichtung stauen sich die Autos auf der Autobahn. Rushhour in Maskat . In der unscheinbaren offenen Halle im urbanenen Irgendwo scheint der tägliche Show-Down bereits jetzt, um Acht Uhr, vorbei zu sein. Hauptsächlich Männer scharen sich um den weissbärtigen Versteigerer, der zwischen den schillernd-glänzenden Fischkörpern steht. 

Klar beobachten die Männer mich. Die unverhüllte Blonde. Aber mehr nicht. Da und dort ein freundliches Lächeln. Die grossen Abnehmer, Hotels und Restaurant, haben sich bereits eingedeckt. 


Ich schlendere von Stand zu Stand. Red Snapper im orangen Schuppenkleid... getupfte Moränen, veritable Tunas. Allerdings genau so interessant sind die Menschen. Die meisten jungen Fischer sind wohl bei der Siesta oder schon wieder auf See, während die alten Männer im Verkauf angestellt sind. Unter ihren gemusterten Kopftüchern erzählen vom Wind genarbte Gesichter vom harten Leben der Pescatores. 


Obwohl im Oman in der Ruhe die Kraft liegt, müssen wir weiter. Das Programm ist dichtgedrängt. So geht es auf einer Schnellstrasse Richtung Westen zum Fuss des Hadjargebirges. Ich sehe Kargheit. Weite Geröllwüsten. Da und dort ein kahler Busch. Kleine helle Dörfer mit wenig Baumstand. Immer weiter durch das Nichts ..... und wieder nichts.... nichts .... nichts. Die Augenlider werden Blei. Wie lange hing ich in den Gurten? No clou. Die Räder rattern. Ich öffene die Augen: 

Grün.... Grün.... !!! Es ist nicht die Fata Morgana aus Karl Mays Geschichten. Ich bin auch nicht Kara Ben Nemsi, der auf einem arabischen Vollblüter der Hang hinunterreitet. NEIN... ich bin ich und die XXX Pferdestärken des Toyotas ruckeln über die steinige Piste in einen saftigen Garten..... die erste Oase in meinem Leben. 

Noch nie erschienen mir Palmenwedel so intensiv. So dem Leben zugetan. Ihre Farbe tendiert zu bläulich-silbrigem Schimmer. Mein Blick ruht auf ihren Wipfeln. Dankbar für diese Farbe in dieser Unwirtlichkeit. Assuf erklärt, während er den Weg durch die Oase hindurch einschlägt:

„Entlang des Strässchens sind steinerne oberirdische Kanäle angelegt. Hier führen wir das Wasser für die Bewässerung. Dieses System Afladsch ist eine omanische Besonderheit und wird im arabischen Raum nur hier praktiziert.“

„Wasser? An der Oberfläche?“, frage ich erstaunt. Assuf lächelt: Wir Araber meinen, in der Schweiz sei immer kalt und und es liege überall und immer Schnee und Ihr meint, wir hätten kein Wasser! Klischee!!!“ „Hopp Aussteigen. Wir besuchen die heissen Quellen.“ Ein sehr kurzer Spaziergang führt mich entlang eines ausgetrockneten Flussbettes. Weiter oben gelangen wir zu einer Art Staustufe und dahinter sprudelt fröhlich kristallklares Wasser, das eine Treppe hinunterplätschert. Drei junge Burschen vergnügen sich hier. Sie setzen sich im vom Wasser ausgewasche Steinmulden. Geniessen das Thermalwasser... danach kühlen sie sich im kälteren Wasser auf der Treppe ab. Punkto Wasser, erklärt nun Assuf mit eindringlich werdender Stimme: „Wir haben manchmal zuviel davon und es wird gefärhlich. Besonders im Sommer kann es intensiv regnen und die Flussläufe (Wadis) verwandeln sich binnen Minuten zu reissenden Flüssen. Schon manche Touristen ohne Führer wurden in den  engen Schluchten eingeschlossen und konnten nicht mehr zum Ausgang. Da hoffst Du nur, dass Dich keine der zahlreichen Giftschlangen erwischt. Und dieses Zusammenleben kann Tage dauern.“

Aber auch die Einheimischen in den nahegelegenen Dörfern der Wadis stellten zuweilen auf stur. Sie würden angewiesen, ihre Häuser zu verlassen, da die Ortschaften für bis zu 10 Tagen komplett überflutet und abgeschnitten würden. So käme käme es immer wieder zu Todesfällen wegen Hochwasser.

Assuf packt mich wieder ins Auto. „Jetzt geht es in die Berge.“

Die Landschaft bietet ungewöhnliche Kontraste. Schroffe zackige Bergzüge, helles Kies und der hellgrüne Blätterflaum der locker verzweigten Akatien. Eine fast malerische Komposition. 


Die Strasse ist bis jetzt noch erträglich. Mal ein Schlagloch hier mal eines da. Zuhinterst im Tal endet sie jäh an einer Schlucht. Wobei wir uns auf dem Boden der Schlucht befinden. Die schwarzen Wände klettern steinig und abweisend in den Himmel. 

Assuf zeigt nach oben. Da fahren wir jetzt hinauf. Ich traue meinen Augen nicht! „Wo... wo..?“ „Ganz nach oben...“,  seine Zähne blitzen. Ist das Schalk? „Du musst weiter nach oben schauen. Dort wo die zwei Masten stehen.“ Das sind locker 2300 m Differenz, denke ich. „Und die Strasse?“ frage ich zweifelnd „Wird schlechter! Much bad!!!“ „Aha!! Was habe ich nur wieder gebucht.“ Vorerst erfasst mich aber Begeisterung. 


Diese Gesteinsformationen. Schockobraun erstarrte Steinkrümel, hellbeige Abschnitte wie mürber Blätterteig tausendfach hauchdünne Plättchen präsentierend. Schuppenförmige Platten, die schräg aus der Erde ragen. 

Rostrotschwarz gefleckte Felspartien. Schwarze Bänder, die lavaähnlich herabfliessen und in ihrem Movimento erstarrt wären?


So etwas habe ich noch nicht gesehen. Assuf scheint eher Faher als Steinkundler zu sein und so ist nichts zu erfahren. Aber nun erinnere ich mich wieder an meinen Onkel Ken, der mir als Geologe immer vom Oman vorgeschwärmt hatte. Und tatsächlich Mr. Google klärt mich auf. Oman: „Das Mekka der Geologen.“ Nur hier auf der Erde sieht man eine besondere Erdschicht, die sogenannte „Mohoschicht“. Sie liegt für die Forscher in unerreichbarer Tiefe. Die erste nichtflüssige Ebene sozusagen. Während die Vulkane Lava aus dem Innern herauschleudern und so diese untersuchbar machen, gelangt dieses Gestein nicht nach oben. Allerdings ist durch das Aufeinanderprallen der Afrikanischen und der Eurasischen Erdplatten im

 Oman eine sogenannte Überwerfung entstanden.  Das heisst, tiefer liegendes Material wurde hochgestossen und gleich einer Welle über das sonst höherliegende Gestein geschoben. Bezüglich der Mohoschicht ist das Hadjargebirge der einzige Ort der Welt, wo diese zu sehen und zugänglich ist. 

Diese Nacktheit.... wie die Erde hier und nur hier ihr ganz Intimstes preisgibt. Terra intimissima. Ich bin schwer beeindruckt und dies mittlerweile auch vom Tiefblick. 999 Meter sind das ohne Frage. 

Es geht gerade um die nächste Kurve. Oh, nein ein Auto. Wie nur kreuzen? Der Wagen vor uns zirkelt. Wir müssen zurück. Zentimeter um Zentimeter auf dem sandigen Grund. Wir sind noch gut 1.50 vom Abgrund entfernt. Das Obstakel scheint passierbar. Aber wir müssen anfahren. Ich bete zum „Gott des punktgenauen Schleifpunktes“ und auf dass sich Assufs Zehensandale nicht gerade jetzt zwischen den Pedalen des Offroaders ihren Freilauf suchen möge. Wir rollen rückwärts. Ziemlich schnell. Eine halbe Radumdrehung.... spulen.... Staubwolke.... die Pneus greifen. ....  geschafft.

Meine rechte Handinnenfläche schmerzt. Die Fingernägel haben sich in sie verkrallt. Der Seitengriff ist feucht. „Alles Ok?“, grinst Assuf.

„Ja klar!“, antworte ich. 

Meine Lüge hat noch nie so süss gelächelt. „Gut“,  meint Assuf: „Die letzte Kundin hatte am Ende dieser Tour  in der Rezeption des Hotels einen Kreislaufkollaps.“ „Nun das Schlimmste ist doch überstanden“, meine ich gespielt beiläufig. Assuf: „Nein, überhaupt nicht. Wir fahren jetzt wieder nach unten auf den Talboden und von da auf knapp 3000 m. Dieser Aufstieg war nur für die Aussicht auf das Dorf Bilad Sayd“ „Und nachher? Haben wir es nahe zum Hotel nicht wahr?“ Ich kenne Assufs Lächeln unter der verspiegelten Sonnenbrille schon: „Nicht ganz. Wieder 2500 m hinunter und anschliessend 2000 m hoch.“ Ich frage lieber nicht mehr, sondern aktiviere auf der wirklich lohnenswerten Fahrt mit Schluchtenblick und Steilwandoptik meine divinen Kontakte zu allen Heiligen der Bremsklötze, den Erzengeln des nicht auftauchenden Gegenverkehrs und von der Fee, die Wünsche erfüllt, begehre ich eine Leitplanke..... 

und die Fee erhört mich. Oben auf den Top mit Traumblick, da steht sie... wie anmutig ihr Blech gebogen ist.!!! Ich könnte sie umarmen... Die Leitplanke!!!


Nach gut einer weiteren Stunde Fahrt auf der nur für 4x4 Fahrzeuge zugelassenen herrlichen (und vorzüglich ausgebauten) Hochstrasse, 

erreichen wir das „Anantara“ auf Jabel Akdhar,  der neue Star der omanischen Hotellerie. Das höchstgelegene 5 Stern Resort der arabischen Welt. Wird es die hohen Erwartungen erfüllen? 

Aussergewöhnlich ist bereits der Empfang. Es donnert; schwarze Wolken ziehen auf. Ein Regenbogen leuchtet sich über die antrazithenen Felsen. 


Ja der Tag war facettenreich, wie diese Farben. Der Regen tropft in mein Haar. 


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Kommentare: 4
  • #1

    Renata de la casa (Sonntag, 14 Oktober 2018 19:21)

    Herrlich - Franziska taucht ein in Farben, Gesteinsschichten und andersartige Geschichten!
    Oman - schon nur der Name erinnert an 1001 Nacht....

  • #2

    Anita Gamma (Montag, 15 Oktober 2018 09:27)

    Du kannst so gut beschreiben wie etwas im Leben stattfindet das man nur einmal im Leben zu Sehen bekommt!

  • #3

    Simone Huber (Montag, 15 Oktober 2018 21:40)

    Deine Autofahrt , so klar und identisch , ich ertappte mich , dass ich beim Lesen den Atem angehalten habe..
    Deine Beschreibungen sind wirklich mitreissend!

  • #4

    Barbara Nadrai (Dienstag, 16 Oktober 2018 13:22)

    Absolut sensationell Dein Reisebericht aus Oman !
    Ich kann mir jetzt lebhaft und eindrücklich vorstellen warum unser Onkel Ken sich in diese wilde
    und faszinierende Gegend verliebt hat die sein Geologen-Herz hat höher und höher schlagen lassen und die für viele Jahre seine Heimat war.