Sanfte Stunden

Von weitem sehe ich ihn stehen. Alleine auf dem Feld. Die Umluft der Rotorenblätter unseres Hubschraubers drückt die Gräser in wellendem Rhythmus nieder. Seine schlanke Gestalt verbirgt sich unter bordeauxrotem Faltenwurf. Eine Farbe, die zusammen mit dem Olivgrün der umliegenden kleinen Hügel, meinem Auge schmeichelt. Ab und zu bläht der Luftstrom ein Stück des textilen Umhanges hoch; 

es fällt wieder, 

hebt sich nochmals...sinkt.


Er winkt nicht. Er ruft nicht. Er bewegt sich nicht. Er, der junge Lama, wartet.... wartet... bis wir ausgestiegen sind, um zu ihm zu kommen. Er wird uns führen. 


Während wir uns nähern, studiere ich die Szenerie. Hubschrauber aus dem 21. Jahrhundert vor dem Kloster aus dem 16. Jahrhundert. Ist das vereinbar? Sollte die Besichtigung dieser heiligen Stätte nicht jenen vorbehalten sein, die sich den Weg hierhin mit Zeit erarbeiten? Ein leises Lächeln erwandert sein Gesicht, als er mir später antwortet. (Soko übersetzt). 

„Ob Du wanderst, reitest, zehn Stunden über Schlaglöcher fährst.... Du hast uns gesucht.... Du bist willkommen.“

Ich verstehe... meine Frage ist unwichtig. Ich bin jetzt da... einfach da.

Von Soko erfahre ich, dass der Hubschrauber in der Mongolei keinen Exklusivstatus hat. Einfach oft das einzige Transportmittel, das in vernünftiger Zeit Verbindungen herstellen kann, Begegnungen ermöglicht, Versorgung sicherstellt. 

Wir haben das Eintrittstor erreicht. Die Tempelgebäude erzählen von früherer Farbenpracht. Verblasst. Gealtert. Schnell wird klar: „Der Ort ist authentisch.“ Er wurde noch nicht, um Touristen anzulocken, hochrenoviert und mit Glanzlack zurechtgepinselt. 

Wir durchschreiten diverse Bauten: Das Haus der alten Schriften, die Pagode mit dem Stein der Grundsteinlegung. Aus dem Haupttempel dringen sonore Stimmen. No Fotos. Ich überschreite die  Eingangsschwelle. Nur nie draufstehen. Die Geister wären beleidigt. 

Im Innern: Andere Welt. Ca. 10 Jungs in roter Mönchsrobe und kahlen Köpfen sitzen im Rechteck auf kargen, harten Bänken. Über ihnen ein Baldachin aus bunten Gebetsfahnen. Drei der Knaben werfen sich vor einem Bildnis des letzten Gross-Lamas auf den Teppich, um gleich leichtgelenkig wieder aufzustehen. Dies immer und immer wieder. Dies sei die

Huldigung, die zu Beginn des Studiums mehrfach ausgeführt werden müsse. Nachher werden sie sich zu den anderen Jünglingen begeben, um sich während 5 Stunden auf die Lehren des Buddhismus zu konzentrieren. Rezitieren... lesen. Alte Schriftladen liegen bereit.


Diese Kinder an diesem abgeschiedenen Ort. „Wer entscheidet, welche Knaben hier aufwachsen? Der Lama beantwortet geduldig, leise: „Meistens war der Vater oder Grossvater ein Lama. Dann fühlt sich eine Familie fast verpflichtet, dass mindestens ein Junge diese Tradition weiterführt. Gezwungen wird jedoch nie jemand.“ „Und nach der Ausbildung?“ möchte ich wissen. „Sie gehen ins zivile Leben zurück. Ich selber habe für mich entschieden, Mönch zu bleiben. Wir bohren noch etwas weiter: „Wie werden die Kinder denn auf das Leben vorbereitet? So ohne Computer?“ Die Mundwinkel des Lamas zucken... zucken ganz leicht ... als würde er denken: „Glaubt Ihr, wir lebten hinter dem Mond?“ Seine Antwort fast etwas genüsslich: „Fast jeder hier hat ein mobiles Telefon!! Das ist ein Computer!“ In andern Dingen sind wir eigenständig, der hektischen Welt entzogen. So suchen wir seit 10 Jahren einen Nachfolger für den verstorbenen Gross-Lama. Also ein neues Oberhaupt der mongolischen Buddhisten. Wir sind dem tibetischen Buddhismus eng verwandt. Auch dort wird jeweils nach einem Knaben gesucht, in dem man den reinkarnierten Spirit der Vorgänger vermutet. Die engsten Vertrauten des Gross-Lamas haben zu  seinen Lebzeiten Weisungen bekommen, wo zu suchen wäre. Bis jetzt war und ist das Team undercover im ganzen Land, der ganzen Welt (zivil  gekleidet) unterwegs. Prüft unauffällig mögliche Kinder... berät... verwirft wieder.... alles streng geheim. Wir warten.... wir warten!“ 

Ein dumpfer Klang eines grossen Gongs wandert durch die abgedunkelten Hallen: „Wamm ... Wammm ..... Wammmmmm........“

Einige Knaben springen auf, treten in das gleissende Sonnenlicht....sie kichern ... tuscheln....äugen....und nun .... bin ich in Europa auf einem Schulhausplatz? Jeder greift unter die Sultane..... Mobile Telefone erscheinen. Tipp tipp tipp.... Infos aus Gross-Mongolien abgerufen? Chat mit den Eltern?


Für uns Besucher geben die jugendlichen Mönche ein tolles Fotosujet ab, doch es geht nicht lange, da kehrt sich die Situation. Die tanzenden Götter geben auf dem Tempelplatz zu unseren Ehren eine farbenfrohe Darstellung. Wenn sie ruckartig die Beine heben, klingeln viele Glöcklein. Sie hüpfen im Takt einer Trommel. Die Köpfe drehen, nicken und schütteln. Unser begeisterter Applaus ist ihnen sicher.

Gäbe es mit diesen Figuren nicht ein tolles Gruppenfoto von unserer Reisegesellschaft?

Wir sind schnell aufgestellt.... das Bild ist perfekt im Kasten und jetzt kommen die Jungs ... und knipsen UNS!! Herrlich...zwei Welten treffen sich. 

Die Besuchszeit ist vorbei. Wir klettern in unsere Mi-8. Der Pilot zieht die Maschine hoch. Wir sehen die schneeweisse Stupa (Grabstätte) leuchten.

Die Umluft der Rotorenblätter des Helikopters drückt die Gräser in welligem Rhythmus nieder.


Ab und zu bläht der Luftstrom ein Stück seines textilen Umhanges hoch; es fällt wieder, hebt sich nochmals... sinkt.


Er winkt nicht. Er ruft nicht. Er bewegt sich nicht. Er, der junge Lama, wartet.... wartet... bis wir entschwunden sind.


Er wird hier bleiben und warten.......  



Zurück geht es in die Stadt, die uns noch einige Plätze offenbart. Das Denkmal am Rande der Siedlungszone. 200 Stufen hoch.... die Geschichte des Landes in Bildern des Sowjetstils darstellend. Plakativ, flächig. Der grosse Platz, auf dem Turnergruppen im Takt militärisch defilieren. Das wilde Durcheinander von Fertig-Modernem und Unfertig-Unvisionärem. 


Dazwischen ein sehenswerter Tempel. Der Gott der Gegenwart hat gerade gefühlte 5000 Jahre Dienst. In seiner Amtszeit, also jetzt, seien die Menschen habgierig und unsozial. Kostet deshalb das Fotografieren 5$? 

Nach meiner buddhistischen Stunde im Kloster fernab der Zivilisation erscheint mir die Stadt irgendwie deplatziert, gouvernal, emotionslos. Man möchte hier nicht schlenden, nicht verweilen. Es gibt wenig lieblich Hergerichtetes. 


In diesem Häusermeer nicht. Aber wo, Mongolen, freie Kämpfer, verlustiert sich Eure Seele? Ich bin gerade in den himbeerroten Plüschsesseln des Nationaltheaters versunken. (Fotos nur von Plakaten früherer Vorstellungen; Fotos waren nicht gestattet) 

Der junge Mann, der den so schwierigen Kehlkopfgesang meisterlich beherrscht, entführt mich... nicht in eine Melodie, eher in den Ruf der Natur. Röhrende Hirsche, knorrende Äste... fauchendes Getier. 

Die Tänzergruppen der folgenden Nummern begeistern mit Tempo und bunter Lebensfreude. Wehende Volants hüpfen im

Takt der Kosaken, welche tänzerisch mit anmutigen, fast balinesisch anmutenden, Mädchen mit Pagodenkopfschmuck flirten. Die Vielfalt der Kostüme, die Varianten an Ausdrucksweisen sind so facettenreich.

Nun wird es still, der Vorhang senkt sich....Stühlerücken.... der Vorhang hebt sich. Ca. 40 Musiker des Mongolischen Nationalorchesters haben Platz genommen (Vollbestand 120). In ihren Händen halten sie ganz sonderbare Instrumente. Eine Art Gitarre mit wenig Seiten und einem fast einem Meter langen Hals und die berühmte Pferdehalsgeige, eine Art eckiges Cello. Sowie ein Gruss an alle Appenzeller: Zwei Hackbretter.

Der Dirigent betritt das Podium. Der Sprecher, der die Vorstellung begleitet, hätte es nicht erklären müssen. Eine Melodie der Steppe. Ein pentatonischer Sing-Sang. Aber dieses Tempo.... dieser Takt. Das kann nur eines sein: Eine Gruppe von Reitern, die über die kargen Weiten prescht. Die Galoppade der wilden, so verherrlichten Pferde... tä-dam .... tä-däm.... tä-däm. Der Staub, der hinter ihren Hufen wirbelt. Die zerzausten Mähnen im Winde flatternd. Die rollenden Augen und bebenden Nüstern der Mongolenhengste. 

Tä-däm ... tä-däm ... tä-däm. 

So-fei... so-frei... so-frei!


Jetzt .... Das ist sie:

„Die Anima Mongolica!!!“


Ich lasse mich mittragen... weit ... weit ....


Vor mir steht der junge Lama...

Er winkt nicht... er spricht nicht... er bewegt sich nicht...


Aber er liest meinen Wunsch:


„Lama....entlasse einen sanften Gedanken an dieses Volk, das von der Jurte zur modernen Grosstadt schifftet.“

„Bewahrt Eure Freiheit!“


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