Tulpomania

Es gibt Dinge, die können einfach gar nichts miteinander zu tun haben. Zum Beispiel: 

„Lasagne und Tulpen“.

Die 1.90 grosse Evelyn weiss es aber besser, und das Geheimnis wird sich noch lüften. 

Vorerst sitze ich gespannt im Bus und stehe tout simple vor der Verwirklichung eines gut 40 Jahre alten Traumes. Ich kann mich noch so gut erinnern. Zu Weihnachten gab es einen Büchergutschein und ich wusste genau, was ich wollte. Ein Gartenlexikon. Natürlich mit vielen Bildern. Da muss dieser Wunsch geboren worden sein. Einmal ins Mekka der Tulpen: Keuckenhof.


Der Tag ist gekommen.

Die Zeit ist perfekt. Der Himmel blau, blau, blau. Das wird ein Fotofest, und deshalb habe ich mir meine neue Kamera (meine Entourage meinte, es sei doch mal Zeit zum Aufrüsten) just für diese Reise gekauft. Ich würde da im Tulpenhimmel schwelgen, ohne Programm oder Druck von Mitreisenden; schlendern, anhalten, fokusieren.... die Makrowelt mit „learning by doing“ erkunden.

Ich bin noch ganz allein im Car. Gerard, der Fahrer, hatte schon Erbarmen mit mir und hat mich eingelassen. Ich träume noch  in Vorfreude, da tritt „Ajit“ ein. Ca. 60, grauer Pullover, silberweiss melierte Haare, blaue Augen. Er fixiert mich. Gut ich bin ja auch das einzig Fixierbare. Man tauscht ein paar Freundlichkeiten aus: Stahlhandel für Bahnfederungen, Wohnort Bangalor. Ich erwarte eigentlich, das Ajit noch Familie im Schlepptau hat. Trotzdem frage ich ihn: „Sie reisen allein?“ „Nein“. Ich schiele auf den Vorplatz. Kein Mensch da und er bemerkt mein inneres Wirrnis. Ajit schmunzelt und antwortet. „Now, I am travelling with YOU!“

Ich quittiere mit Lächeln samt internem Schlucken und realisiere, dass mein fotoflorales Scenario gerade daran ist, in sich zu zerfallen. In der Zwischenzeit belegen sich die Plätze und Gerard bedient uns mit der freudigen Überraschung, dass Evelynes Zug ausgefallen sei und dass sie erst in Den Haag zusteigen werde. Also harren wir der Ankunft der Reiseführerin und Ajit erliegt neben mir seinem Jet Lag. Ohne kommentarmässige Berieselung fällt unsere 50-köpfige Gruppe in ein morgendliches Nachdösen, bis jemand ins Mikrofon bläst:“Test!!!“ Aha Evelyn in Aktion. Sie eröffnet „vielversprechend“. „Ich bin ja so etwas von nervös. Wissen Sie, eigentlich dürfte man diese Tour heute gar nicht verkaufen,

denn es findet die berühmte Blumenparade statt. Eine Million Zuschauer. Strassensperrungen. Ich weiss nicht einmal wie wir zum Park kommen. Und bei den Blumenfeldern anhalten geht auch nicht. Zu viel Verkehr. Wie wir wieder wegkommen in Keuckenhof? On verra.“

Inzwischen schreibt mein Hotelconcierge, dass ich im Trendrestaurant „Floris“ (wie passend der Name) für den Abend einen Platz erhalten habe. Pünktlich um 19.00 hätte ich auf der Matte zu stehen. Mir schwant Ungemach. 


Evelyne stürzt sich in den multilingualen Erklärungsmarathon. 

Ursprung und Geschichtliches über die Tulpe, die Frühlingskönigin. Aus der Region Persiens soll sie stammen und später in der Türkei zu grosser Beliebtheit aufgestiegen sein. Ihr Name, so zumindest ein Erklärungsversuch, abgeleitet von Tulipan, Turban, denn die Sultane pflegten sich stolz zu schmücken, indem sie Blüten in den Turban steckten. Hohe Ehre, wem eine Tulpenzwiebel geschenkt wurde. So geschah es einem österreichischen Professor. Dieser nahm anlässlich eines Umzuges seine Zwiebeln mit nach Leiden in Holland, wo er sie in seinem Garten hätschelte und erforschte. Den Blumen wurde höchste Aufmerksamkeit zuteil. Doch ein dreister Diebstahl  beendete sein botanisches Vergnügen an den exotischen Liliengewächsen. Auf dunklen Umwegen gelangten so die Zwiebeln, die im Geheimen weiter vermehrt wurden, in den Handel. Alle rissen sich um den zarten Kelchblütler.

Die Preise stiegen in schwindelerregende Höhen. Familien investierten ihr gesamtes Vermögen für eine einzige Zwiebel. Eine Tulipomania war ausgebrochen und damit die Tür geöffnet zu grotesken Auswüchsen. Ein einziges Exemplar konnte (unglaublich!) 15 Mal mehr kosten als ein ganzes Haus an einer Amsterdamer Gracht. 

Die Tulpe wurde zum Zahlungsmittel und Spekulationsobjekt. Die Gier stieg ins Unermessliche und so boten Verkäufer Zwiebeln an, die sich erst im Wachstum befanden. Also noch wertlos waren. Eine Art Termingeschäft. Als dies den Investoren bekannt wurde, platzte die Tulpenblase innert weniger Tage.  Der erste Börsencrash (1630) der europäischen Wirtschaftsgeschichte war Tatsache.

Heute ist die Tulpe wieder Wirtschaftmotor der holländischen Landwirtschaft. Es gibt zwei Sorten von Produzenten. Die einen verkaufen Schnittblumen, die andern die Zwiebeln. Logischerweise müssen erstere noch knospig geschnitten werden und gehen auf die gekühlte Reise in alle Welt. Der Zwiebelzüchter richtet seinen Fokus auf möglichst grosse Zwiebeln. Dies erreicht er nur, wenn die Pflanze nicht Kraft für die Samenbildung vergeudet; deshalb werden anfangs Mai ganze Felder in voller Pracht rabiat „geköpft“. Ich blicke über die bunten Blumenteppiche in Streifenoptik. 


Wellness für die Iris. 


Der Verkehr verdichtet sich.

Wir nähern uns offensichtlich. Evelyne schwärmt vom Keuckenhof. 



Damit während 8 Wochen üppige Bepflanzungen bestaunt werden können, habe man das (Achtung jetzt kommt es!) „Lasagneprinzip“ entwickelt. Nach dieser Methode werden Zwiebeln mit verschiedenen Blütezeiten im Schichten übereinander gesteckt, Zwischen den einzelnen Lagen wird  Erde eingefüllt. So kann langdauernde Blütenfreude auf kleinstem Raum generiert werden. 

Evelyne kündet uns die baldige Ankunft an. Allerdings: Wir entscheiden uns zum Anmarsch per pedes. Alle Zufahrten hoffnungslos verstopft. In diesem Jahr sei es sehr kalt gewesen. Die Saison habe deshalb erst so richtig vor einer Woche begonnen und in den letzten Tagen hätten sich die Knospen fast explosionsartig geöffnet. So sei zu befürchten, dass der Farbzauber schon schnell vorbei sei. Deshalb seien neben der üblichen Masse auch noch jene Heerscharen hier, die nichts verpassen wollen. 


Voilà ich bin am Ziel! Never give up your dreams. Der Einlass erfolgt speditiv, und nun heisst es: „Abtauchen ins Tulpenmeer.“

Ich trinke, trinke... feuriges Orange, freches Pink, Porzellanweiss. Stolz dahergetragen auf langen Stengeln. 

7 Millionen sollen es sein. Fantastische Farbkombinationen. Meine Augen feiern. Ich zücke begeistert die Kamera. So Schätzchen: Zeig was Du kannst!“ „Hier nicht, falscher Ort!“ Ajit, immer an meiner Seite, fühlt sich nun berufen, mich bei der Objektwahl zu beraten. Er begründet auch gleich: 

„Jeder knipst hier. Zuviele Leute. Schau, der Mensch steckt bei allem, was er tut am meisten Energie in den Anfang. Bei Ausstellungen, Schule, Beziehungen und und....  Zuerst ist volle Begeisterung, später lässt sie nach. Sei clever, komm mit mir ganz nach hinten in den Garten. Da vorne erschöpfen sich alle in ihrem Engagement. Hinten hast Du Platz,  für das, was Dir wesentlich ist. Da, wo Du deine Kräfte gezielt und nachhaltig einsetzen möchtest. U understand?“ Die indische Philosophie  erinnert mich tatsächlich daran, dass ich mich ja noch auf die Suche meines Lieblings machen wollte:

„The Queen of Night.“ und nach längerem Durchstreifen finde ich einige wenige Exemplare dieser Triumphtulpe. 

Elegant, geheimnisvoll. 

Lange galt es als unmöglich, die Tulpe in Schwarz hervorzubringen. Einem Züchter ist schliesslich 1944 zumindest die Annäherung gelungen. Ein Purpurschwarz, irisierend, aufscheinend, glänzend, wenn sich die Sonne in den Blütenblättern verfängt und fast nero-matt, wenn der Schatten sie ereilt. 


Schon seit Kindheit berührte mich dieses Farbenspiel, diese Tiefe,

Purpur-Burgund. Eine Farbe, die Deine Melancholie extrahiert. Für einen kurzen Moment nimmt sie Dich mit in die schmerzhafte Ecke Deiner Erinnerungen. Über das was war und nicht mehr ist, das Dich Verletzende, das in Dir Zehrende. 

Dies scheine nicht nur ich so zu spüren. Die schwarze Tulpe gilt (im westlichen Kulturkreis) als Symbol der Leidenschaft. Und so mystisch ihr kurzes Leben, so extrovertiert ihr Vergehen. 

Keine Blüte, kann sich so (fast erotisch) dem irdischen Adieu hingeben. Während die Rose introvertiert, sich bedeckend,  vertrocknet, legt die Tulpe ihr Innerstes frei. Breitet ihre Blütenblätter ad extenso. 

Der Stempel glänzt in der Hoffnung auf letzte Empfängnis, die Staubblätter präsentieren ihren samtigen Puder, der in kleinen Bröseln in den elfenbeinfarbenen Kelch rieselt.

Du kannst sie nicht dörren, konservieren oder gar vergolden, die Tulpe. 


Sie wird ihre Blütensegel zu halbtransparenter pergamentenen Brüchigkeit wandeln, die sich an den Rändern einrollt. Der Wind wird eines um das andere lösen; es wird schweben. Dann in sich zerfallen.

Nur der Gedanke an die Schönheit bleibt und daran, dass dieses irdische Geschlöpf in vollen Zügen gelebt hat.

In der Zwischenzeit hat mich die Realität wieder. Ich gebe mich dem Blütennirwana hin.  Hyazinthenduft benebelt meine Sinne,

Narzissen nicken mit ihren gelben Kronen. In einem der 5 Blumenpavillons entdecke ich endlich an meiner Kamera den Supermakroknopf. 

Begeisterung! Ich vertiefe mich derart in die Blumenschlünde, dass ich Ajit verliere oder vielleicht auch umgekehrt? Während ich noch kurz auf die Suche nach ihm gehe, wendet sich meine Aufmerksamkeit plötzlich von den Blumen weg auf die Menschen.  

Was für ein Beobachten! Es scheint, als hätte sich heute das gesamte globale Tuttifrutti eingefunden. Von Sari bis Niqab, von Rollator bis Kinderwagen. Alle sind hier friedlich vereint im Namen der Tulpe. So sollten die Völker sich finden. 

Nur dürften es nach meinem Geschmack einige 10’000 weniger in diesem Park sein. 

Man kann die Situation nur mit „totally overcrowded“, ja fast grenzwertig beschreiben und darunter leidet das florale Erlebnis doch beträchtlich. Die Chancen auf einen Platz auf dem Flüsterboot sind gleich null, und wer irgendein menschliches Bedürfnis verspürt, muss 45 Minuten einplanen. 

Ich begebe mich noch auf einen Flirt mit den geflammten Varietäten und den Papageientulpen, die mit ihren Büscheln eher an Pfingstrosen erinnern. So wild und fröhlich. 

Gegen vier ertönt von der Strasse her Musik. Ohh, die Parade. Jetzt hätte ich die Anlage für mich, denn Hunz und Kunz strömt hinüber zum Corso, wo die prächtigen Wagen vorbeiziehen. Draussen am Treffpunkt wartet Ajit. Er hat sich an einem Stand ein Blaubeermuffin ergattern können, und wir sind uns einig: Keuckenhof ist wirklich sehenswert aber: Nie am Wochenende, nie am Tag der Parade und wenn möglich morgens gleich nach Türöffnung. Die Variante :,Im Park Fahrrad mieten und den blühenden Feldern entlag radeln, scheint ebenfalls verlockend. 


Ich bin trotzdem zufrieden, botanisch vollgesogen und nun bereite ich Ajit sachte darauf vor, dass er seinen Abendausgang singulär bestreiten müsse. 


Evelyne und Gerard finden zu meiner Verwunderung doch noch einen Weg aus Keuckenhof heraus. Mein Gourmetabend bei „de Floris„     wird stattfinden. „Bye bye Ajit, take care und danke für Deine philosophischen Impulse.“


Der Tag war und wird weiterhin ganz und gar: 


DE  FLORIS


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