Mosàico

„Irgendetwas ist in dieser Stadt anders“, denke ich während der Fahrt ins Hotel. Ja... genau: Die Häuserfassaden. Viele komplett mit Keramikkacheln überzogen. Bunte grafische Muster oft in Blauweisstönen. Hier salopp von Kacheln oder Fliessen zu schreiben,  geht natürlich in den Augen der Portugiesen gar nicht.

Ich darf mir den Fachbegriff auf der Zunge zergehen lassen. Azulejos!

Aha... da steckt ja das Wort azur „blau“ drin... kann ich mir merken und klopfe mir innerlich auf die Schulter. Porto,  ich bin bereit, in die Buntheit, in das Mosaik, Deines Lebens einzutauchen, spontan zu entdecken... zu verweilen... mal dies mal das.

Angenehmerweis gibt es an diversen Ecken kleine Agenturen, die Aktivitäten anbieten. Ohhh ... das wollte ich doch schon lange: „TukTuk fahren.“  

Die schwarzhaarige junge Dame hinter dem Pult greift zum Hörer: „Hola!“... ein kleines portugiesisches Wortpingpong... Sie legt auf... zu meiner grossen Überraschung geht es gleich los. „Go around the corner. Your driver will arrive in 5 minutes!“ Tatsächlich da knattert ja schon das schnusige blaue Wägelchen an. Guillermo, dick in eine rote Winterjacke gehüllt, begrüsst mich herzlich und verpackt mich unter eine rot karrierte Wolldecke. Das Gefährt hat zwar Dach, aber seitlich scheint es schon zügig zu werden. Das Quecksilber hat es noch nicht über 8 Grad geschafft.  

Aber Kälte ist kein Thema, denn der Psychologiestudent  Guillermo ist begeistert von seinem Job. 1 Stunde kreuz und quer durch Gaia und Porto. Über die Brücke, enge verwunschene Gässchen, und da sind sie wieder: Azujelos. Den Bahnhof São Bento müsste ich unbedingt später innen besichtigen. Ein wahres Meisterwerk mit Kacheln, mit denen ganze Geschichten und Landschaften dargestellt würden. Ach ja... und die Touristen meinten ja immer, der Wortteil „azul“ sei mit „blau“ assoziiert. Für eine Nanosekunde durchwärmt mich erleuchteter Stolz!! Genau! Das war doch mein Gedanke „Unwissende“, er lächelt sanft, „die Kacheltechnik und auch der Name stammen aus Persien. Der arabische Name für Fayence (Kachelwerk). Mit „blau“ gar kein Zusammenhang. 

Danke Guillermo... mein Allgemeinwissen ist bereichert.

Das Ende der vergnüglichen Fahrt kommt schnell aber nicht ohne, dass ich noch von der lokaltypischen Spezialität erfahre. Guillermo schwärmt: „Ich könnte jeden Tag Franceshina essen!“ Das heisst übersetzt: Kleine Französin und entpuppt sich als rurales Sandwich. 2 Toastscheiben, dazwischen gekochter Schinken oder andere Fleischscheiben. Darüber eine schmelzende Käsesauce getoppt mit einem Spiegelei und das ganze in einer scharfen Tomatensupoe schwimmend. Herausfordernd!

Ich bestelle das Gericht weniger aus Begeisterung, denn aus Neugier. Der Eindruck: Mastig-mässig! 

Gut getan, dass ich meine Nase noch tiefer in die Weinliste des Pestana Vintage stecke. Manchmal ergeben sich ja plötzlich ungeahnte Sympathien. Der Wein „CURVOS“. Ich glaube, wir harmonieren ... und ja ...seine Tannine... zusammen mit mir; wir ergeben eine „runde“ Sache.

Anderntags, es geht zu Fuss los in das höher gelegene Stadtzentrum. Ich möchte eigentlich Tram fahren, verpasse aber den Abzweiger und lande vor dem riesigen Platz am Rathaus. Da, Guillermo hat es mir aufgetragen, müsste ich den weltschönsten  Mc Donalds beehren. Für ein Foto tue ich dies. 

Mc Donalds in Porto gilt gemäss weltweiter Umfrage als der Schönste
Mc Donalds in Porto gilt gemäss weltweiter Umfrage als der Schönste

Mich zieht es aber noch in die Lobby des Intercontinentels. Da interessiert weder Polstergruppe noch Design, jedoch ein besonderes Bild.

3 in 1.

Ich würde es sofort ....aber sofort mitnehmen. Aber der Preis!!

Ein Oevre von Pedro Guimarães, das je nach Blickwinkel drei verschiedene Bilder offenbart. 

Ich bin begeistert!!


Komplett in meinem Budget liegt nachher das Ticket mit dem historischen Tram. 

Hinaus an die Küste. Jeder, der einsteigt, ist nochmals Kind. Die Haltegriffe aus Messing, die alten schmalen Sitze.

Gemächlich quitscht sich der Oldie entlang der letzten Kilometer des Duoro. 

Sergio, der Tramführer, gibt mir Einlass in seinen historischen Führerstand. Er habe eine wunderbare Aufgabe hier... und seine Augen glänzen, während er schon den nächsten Gästen kleine Papiertickets von 3€ verteilt.

Die Küste atmet Freiheit. Brachial wirft sich der Atlantik an die Mole. Weisser Schaum auf kantigem Fels. 

Weiter  landwärts ziehen einsame Segel dem Schlund der Mündung zu. Schwarzes Segel auf Silberglitzermeer.

Kilometer... Kilometer,  kann man hier wandern... joggen... schlendern. Chaqu‘un à son façon. Hinter einen kleinen Park erweckt das TWIN meine Aufmerksamkeit. 

Um 13.00 bin ich zwar viel zu früh... leer, aber das Interior wirft mich um. Vor 2 Jahren habe man diese ehemalige Disco in dieses Bar/ Restaurant ungewandelt. 

Absolut frech die Spiegelwand. Mit überraschenden Effekten aus Rückspiegelungen; 

die hippe Bar, und später das wirklich delikate Essen mit goldfarben angehauchtem Besteck. 


Der „Catch of the Day „.. leicht und bekömmlich; das handgemachte Eis: Jubelsüss zwischen Limone und Maracuja. 

Diese Kalorien werden im nachfolgenden Fussmarsch zurück nach Porto teilverbrannt und zurück im Hafen von Porto Cruz meldet sich Kollege Muskelkater. Aber die Beine jetzt im Hotelzimmer strecken.... an diesem Traumtag? Nein, das kann ich auch auf dem Schiff, und ich erstehe mir eine Karte für die 6 - Brückentour (50min). 

Vorne am Bug sitzt schon eine illustere Gruppe, laut; ich setzte mich in die Nähe. Der Kapitän erscheint plötzlich und begrüsst mich wasserfallartig in fliessendem Russisch. Ich schüttle den Kopf, lächle: „Englisch?“ „Was, Du nicht russisch? Du blond!“ „Ich Suiza!“ „Oh gut, viel Leute... Portugies... Arbeit in Suiza!“

Nach dem er noch meinen Namen erfahren hat, drückt er mir  einen feuchten Kuss auf den Handrücken begleitet von schmachtendem Blick: „Bienvenido Francesca!“ Das motiviert nun auch die Russen, die eigentlich Polen sind, zur sprachlichen Interaktion. „Ohh Switzerland... very very expensive“; dann noch Schokolade, weisse Berge und dass es extrem schwierig sei, den Schweizer Pass zu erwerben. Ich entgegne, dass jeder 8. Bewohner unseres Landes Ausländer sei und meines Wissens Polen nicht einmal Asylanten aufnehme. Damit habe ich die Diskussion der von mir gewünschten Versandung entgegengeführt und ich kann mich nun der reizenden Aussicht widmen. 

Porto liegt vanillewarm in der Sonne während in Gaia der Schatten liegt. Das ist auch der Grund, weshalb der Portwein auf der Gaiaseite des Flusses in den Kellereien heranreift. Es ist hier immer um einige Grade kühler, weil ein Hügel für mehr Beschattung sorgt. Inzwischen gleiten wir unter den diversen Brücken hindurch, flussaufwärts. 

Weit hinten in der Biegung schimmert weiss ein grosses Gebäude. Wir nähern uns an. Mein sissi-affines Herz zuckt.... Ein Schloss. 

Erhaben gelegen über den Wassern. Wie fantastisch muss die Sicht von da auf die Brücken und den Douro sein. Internet sei Dank. „ Palacio Freixo“ .... und wouww... es ist das Schwesterhotel meines Pestana Vintage. 

Damit steht das Abendprogramm fest. 5 Sterne. Mein Paillettentop erhält Ausgang.

Die Taxifahrt ist länger als gedacht. Gut wohne ich nicht da draussen. Für Unternehmungen in der Altstadt  wäre es zu weit entfernt. 

Nun aber das grosse Arrivé! Zwar ist kein Mensch am Empfang; eher ungewöhnlich in dieser Kathegorie. Dafür habe ich das royale Erlebnis ganz für mich allein. Monumentale Säle... ohh Sissi... 

Ich „schreite“ durch die ehrwürdigen Räume, nach vorne an die meterhohen Fenster, hinaus auf den Balkon. Die Dämmerung ist aufgezogen. Leider bin ich etwas zu spät. Der Fluss entschwindet in der Dunkelheit, die Fernsicht entzieht sich mir. Aber der Garten mit den steinernen Balustraden liegt wunderbar und mediterran. 

Der Springbrunnen versprüht edles Erlebnis im Scheinwerferlicht.  Es ist kalt und still, aber schön. Ich wende mich noch der Schlossfassade zu . Dunkle Wolken haben sich über den Türmen formiert. Sissi muss für einige Sekunden Harry Potter und Graf Frankenstein Platz machen. Sah ich die beiden nicht flugs hinter den beleuchteten Scheiben verblassen? 

Raffaele holt mich zurück. Grossgewachsen, hager 5-sterneformell.

Der Tisch im historischen Esszimmer ist nun bereit. Die Fresken an den Wänden... 18. Jahrhundert ...sie sehen älter aus ... gut gemacht.

Zu dinieren in diesem chambrierten Licht. Ein Genuss. Raffaele weitet zusätzlich meine önologischen Kenntnisse.

Vinho verde. Ein spritziger Weisser ist nicht von hiesiger Provenienz. Diese Sorte stamme aus einer grenznahen Region nördlich der Duorogegend. Nun Raffaele hat ihn empfohlen und so verantworte ich diesen Seitensprung. Ganz ohne Reue. Ein fruchtiges Prickeln tanzt sich durch meine Adern. 

Er, der Maître de Service,  liebt seinen Beruf. Es sei ein Privileg, an einem solchen Ort zu dienen. Er wirke schon 6 Jahre hier. Er könnte weltweit in jedem anderen Pestana Hotel arbeiten. Aber das sei sein Platz! 

Wenn es auf den Platz ankommt, die Aussicht, so schwören die Einheimischen auf das Hotel Yetman auf der sonst eher schnöde betrachteten Gaiaseite. „Das beste von Gaia sei die Aussicht auf Porto“, wird gewitzelt. Aber punkto Haute Cuisine in Kombination mit Aussicht ist man sich einig. „Das musst du noch gesehen haben!“ 

Entsprechend gespannt bin ich.... und bleibe gespalten. Die Sicht ist umwerfend. Die Strassenlaternen flackern gerade auf der anderen Seite in Porto auf. Warmes Orange vor dunkel-lila Horizont. Der Fluss spiegelglatt, lässt die Lichter in sich gleiten. Mit dem Hotel an sich werde ich nicht warm. Eine Kombination von kopiertem Klassizismus, wild durcheinander eingekauften Antiquitäten und unzähligen Sofas mit Brockenhaus-Image. Niemand weiss so recht, wofür die überdimensionierte imperiale Treppe dient, auf derem hochflorigen  Purpurteppich man schallgedämpft nach unten watet.


Aber dann dies:

Ein herrlicher Tisch in der Orangerie. Mit Blick auf die breite Terrasse und den Duoro. 


Die 2 Sterne Michelin Brigade verfügt über ein divines Händchen. Schon das Amuse Bouche verzaubert. Eine Coquille Saint Jaques, die auf einer federzarten Mousseline schwebt. Der Risotto, den ich als Hauptgericht wähle, steigt zum Zungenspektakel auf 

und das Kirschensorbet auf Portofondant hebt mich in den kulinarischen Himmel. Besser kann man nicht kochen. ... und trotzdem

auch Fernando hat sich in mein Herz cuisiniert.. 

Er führt an der Touristenmeile am Hafen das kleine Restaurant Ribeira Square. 

Früher hätte er über 60 Sitzplätze angeboten, aber dies hätte ihn einfach überfordert. Jetzt habe 6 draussen, 8 in der Bar und oben einen kleinen Saal für 18.

Fernado war schon in Zürich, sein Kellner hat Verwandte in Vevey. Man versteht sich und ich bekomme den Tisch an der Bar. Fernando fährt gleich zu Beginn mit diversen Flaschen auf. Schon die Probierrunde zieht sich dahin und grosszügig schenkt er ein, bis der Entscheid gefallen ist. 

Dazu jetzt noch feine Tapas. Ein gemütlich-gelungener Abend. 

Fernando hat nicht 2 Sterne, aber er wirbt für seinen Schokokuchen: „Die ultimative Sünde! Versprochen!“

..... meine Gabel sticht durch diverse Schichten: weich, puddingartig und knusprig, fast einer Crèmeschnitte gleich. „Fernando, das ist Wolke 7“.

Mit dieser verführerischen Süsse auf der Zunge trete ich ein letztes Mal an das Ufer. 

Die Brücke strahlt in Bernsteingold, der Mond über ihr als Silberscheibe. 


Was war das für ein herrliches Mosaik an Eindrücken in diesen 72 Stunden. Gerne wieder .... 


....und Fernando: Leg mir bitte ein Stück der ultimativen Sünde zur Seite. 


Obrigado!!