Schicht in Schacht

„Was willst Du denn in Dortmund... und erst noch jetzt im tristen November? Fussball?“ Nein, aber es sollte sich noch herausstellen, dass ein historisches Herzschlag-Derby gegen Schalke stattgefunden hatte. Mit einem versöhnlichen 4:4 Ausgang. Das wäre „der“ Match gewesen. Aber eben... das ist nicht mein Fokus. Ich verlor mich vor Wochen im Internet zum Thema „Lichtkunst“. Aber dazu im nächsten Artikel. 


Dortmund, das ist Ruhr. Dortmund, das ist Pott. Das raue Trio von Eisen, Kohle und Stahl; es ist hier omnipräsent. Aber die Zeiten der Kokerei gehen zu Ende. In einem Jahr

heisst es für die letzten Kumpels in den Steinkohlebergwerken: „Schicht in Schacht“. Der finale Satz, wenn eine Zeche geschlossen wird. Ein Schicksal oder nennen wir es „Fortschritt“ auf dem Weg Deutschlands in eine sauberere Energiezukunft? Die Historiker und Eventgänger haben jedenfalls die alten Anlagen bereits kreativ umnutzend in Beschlag genommen. Coole Laserparties im Rostambiente oder, und da will ich jetzt hin, Aushängeschild für das Unesco Welterbe. 

Die im Ruhrgebiet verteilten Gruben tragen manch lieblichen Namen wie „Nachtigall“ oder „Himmelsmannpark“. Zur musealen Attraktion hochgefahren wurde aber die „Zeche Zollverein“ bei Gelsenkirchen (30 min von Dortmund). Die schönste und besterhaltendste Zeche weltweit soll sie sein. Eine Perle der Industriegeschichte. www.zollverein.de

Klinker, Klinker, Stahl und  noch mehr Stahl erwarten mich auf einen gigantischen Gelände von 100 Hektaren. Orientierungslosigkeit erfasst mich. Der nette Herr am Infostand nimmt sich aber mit schnörkelosen Instruktionen meiner an, und so gelange ich zur eindrücklichen Rolltreppe. Ihr leuchtendes Orange zieht mich in den Glastunnel. 

Schwebe ich auf einem glühenden Förderband?  

Schon stehe ich in der schwach beleuchteten Werkshalle, die mir nach dem

Orangeerlebnis noch dunkler vorkommt. Die stillen Anlagen erdrücken mich fast. Über 4 Stockwerke wuchten sie ihren tonnenschweren Roststahl hoch. Sie schweigen. Zeugen der Zeit, und über diese möchte ich nun mehr erfahren. 


In der Ticketeria amtet ein rüstiger Senior. Er erzählt nicht gerne die Dinge mehrmals. Er geht davon aus, dass ich seine Erklärungen bei den vor mir stehenden Leuten punkto nächste Führung mitbekommen habe. Also zu mir nur:“Alles klar?“ „Ja, bitte die Führung um 15.00 Uhr“. Bis dahin bleiben noch 30 Minuten für privates Entdecken. 


Der Rentner gerät jetzt in seine enthusiastische Phase. „Besuchen Sie doch noch kurz das Ruhr Museum im unteren Stockwerk. 


Für die Kokerei reicht es nich mehr, aber da unten......“. Gehört, getan. Hindurch durch das puristisch gehaltene, aber sehr passende, Kokskaffee...weiter zur Treppe zum Museum... und ich bin begeistert. 


Besser hätte es als Vorgeschmack für mein „erhellendes“ Abendprogramm gar nicht kommen können. 

Die Treppe: Eine feurige Lichtinstallation. 

Ich kann mich kaum losreissen,

aber Dr. Joachim wartet auf die Gruppe. Seine Stimme ist raumgreifend. Ja da unten im Stollen, da muss so ein Ingenieur über ein entsprechendes Organ verfügen. „Immer schön die Hände an den Geländern gell !!! Und Augen auf: Ein paar neckische Stolperstufen gaben wir auch noch eingebaut.“

Zum Aufwärmen erklimmen wir gerade mal mehr oder weniger flott durch ein eisernes Treppenhaus 7 Stockwerke. Hinauf auf 45 m. Leicht hechelnd auf der Aussenplattform angekommen, erschliesst sich mir ein grosszügiger Rundblick auf das Areal und die Umgebung. 

Ein pfiffiger Wind wiegelt sich ausgerechnet jetzt auf, aber der doktorierte Joachim taucht summarisch, was nicht unbedingt kurz bedeutet, in die Geschichte der Kohleförderung und insbesondere dieses Werkes ab. 1851 sei hier mit der Förderung unter Tage begonnen worden. In der Aera nach dem 1. Weltkrieg beschloss man, die Anlage kapazitätsmässig auszubauen und auch mit hochwertigen Industriearchitektur zu versehen. 

Die beiden jungen Architekten Martin Kremmer und Fritz Schupp erhielten damals überraschend den Zuschlag und gleichzeitig die herausfordernde Aufgabe, die Förderanlagen, das heisst die Seilkonstruktionen, mit denen die Kohlebehälter aus der Grube gezogen wurden, zu designen. Dabei  hat der Laie sacrosankt zu lernen, dass es zwei Typen gibt: 


Erstens „Fördertürme“. Hier ist die Zugvorrichtung ummantelt und im Innern des Gebäudes können schon erste Sortierungen vorgenommen werden. Markanter fürs Auge sind die „Fördergerüste“, die einen überdimensionalen Openair- Seilzug darstellen. Bei diesem System müssen Annexbauten zur Erstsortierung angebaut werden, was mehr Platz beansprucht. Gerade mit dem ersten Entwurf eines solchen Födergerüstes wurden die Jungarchitekten berühmt. Das Fördergerüst „Schacht 12“ ist heute Wahrzeichen der Region. 

In der Zwischenzeit kommt Dr. Joachim zu seinem Kernthema., während meine innere Kerntemperatur schon ziemlich in den Keller gesackt ist. Die Finger klamm. „Bitte mal wieder ins Gebäude hinein und zwei Stockwerke runter... aber immer die Hände am Geländer gelle!“

So, nun sind wir im Herzstück angelangt: Der „Kohlenwäsche“. Es geht im Prinzip um die Entfernung von Fremdgestein sowie um die Sortierung in einheitlichere Körnung 


was in Rohgrobkohle


und Rohfeinkohle resultiert.

Die Schwerkraft ist die Freundin des Bergmannes“, vermittelt uns Herr Dr. Joachim. Deshalb beginnt der Verabeitungsprozess in den obersten Stockwerken. Durch gewaltige rotierende konische Siebe und Trichter fallen die Brocken auf eine tiefere Etage... und so immer weiter. 


Mein Staunen gilt den Stahlgiganten, den grobschlächtigen Schrauben, welche die Teile zusammenhalten, den chagierenden Rosttönen, den schwarzeiseren Treppenstufen mit den Diagonalrillen. Jeder Schritt ein Hall.

Koks
Koks

An der letzten Station erklärt Dr. Joachim die Herstellung von Koks. Dieses veredelte Produkt aus Kohle wird durch eine Trockendestillation der Kohle erreicht, indem ihr flüchtige Stoffe entzogen werden. Der entstehende „Koks“ kann eine viel höhere Brenntemperatur erreichen als normale Kohle und dies ist wiederum vonnöten um Eisenerz zur Schmelze zu bringen. 

In der Anlieferungsgshalle wird es dann auch noch zahlenlastig. Alle 1.5 Sekunden wurde in Spitzenzeiten ein Wagen mit einer Tonne Material aus Gruben von bis zu 1000 m Tiefe gezogen. 6000 Kumpels nur in dieser Zeche am Werk;  in 2 Förderschichten. 


Tempi passati. Der Führer gibt etwas den Wehmütigen. Der Glanz des „schwarzen Goldes verblasst“. Die Stollen werden mit Erde und Gestein befüllt werden und verschlossen; das Wasser wird das unterirdische Labyrinth zurückerobern.

Aber: Neues wird entstehen. Vorbei mit diesen dreckigen Jobs. Neue Pärke und Naherholungsgebiete entstehen. Neue Nutzungen wie das futuristische „Red Dot Museum“, das Mekka der Designer, wofür ich leider keine Zeit fand. Obwohl auch dieses Museum weltweit eine absolute Rarität darstellt und als Kontrastpunkt zu den archaischen Fabrikhallen spannend wäre.


Wir sind um.

Der„Mythos Kohle“ ist für mich fassbarer geworden. 

Zeit für eine „Butterpause“, ein Name für Znüni, Zvieri, im Pott. Ein belegtes Butterbrot. 

Gerade diese Speise führt das Café „Die Kokerei“aber nicht und der Flammekuchen dauert mit Blick auf den Arbeitschluss (meine Vermutung) der Bedienung zu lange. Also muss ich Bock auf Bock(wurst)

haben. Auch nicht ganz unpassend . 

Und zum Schlusspunkt nochmals ein Ritt auf der brennenden Rolltreppe. „Fiat Lux“ (es werde Licht) mein Motto für den Abend. Perfekt!!