A D W

Nicht, dass mich etwa meine gute Erziehung verlassen hätte. Mir müsste die Schamröte einer Babuschka ins Gesicht steigen. Zum Glück kann ich es abschieben. Nein, es ist der witzige Sergej, unser Betreuer, der uns an der neuen Destination, Wladiwostock, begrüsst:

„Willkommen am A der Welt“! „Sie haben auf Karte gesehen wo wir sind... Ja?“ Die Russland-Sonne geht im Osten auf. Man könnte also meinen wir sind: Am Anfang der Welt... Ja?“ 

Aber ist es nicht! Wir leben an Arsch der Welt!!! ADW!!“

„Weiter geht Festland nicht.  Und da fahre ich jetzt als erstes mit Ihnen hin. Ja, wir waren immer Arsch in Augen der andern, aber im Kommunismus immer bevorzugt. Das Regime hat Wladiwostock abgeriegelt, geschlossene Stadt. Oh, schrecklich, konnte man meinen... aber war nicht nur. Wir bekamen alle Güter aus westlichem Ausland wegen dem Hafen. Autos, Elektronik, Früchte und Gemüse. Wir waren gefangen, aber in Schlaraffenland.“

Der Bus stockt sich durch den Morgenverkehr. „Daran sind Japaner schuld! Zuviel billige Autos. Wir sind grösste Gebrauchtwagenort von Russland.“



Am Lands-End steigen wir aus. 700 Schritte zum rot-weissen Sendeturm. Der himmlische Wettermacher, Petrus, hat gerade eine frische  Ventilatorstufe eingetippt. Wir werden recht durchgewirbelt. Die Chinesen sind nocht nicht am Top-Spot eingetroffen. Dafür ein äusserst hübscher Husky.

Ein Foto mit Leuchtturm am AdW muss natürlich sein. Offenbar zählt man hier Kamtschatka nicht zu Russland? Aber das muss Detail bleiben. Gerne klettere ich wieder in den warmen Bus. Sergej verkündet stolz, dass die Stadt auf dem gleichen Breitengrad liege wie Florenz. Leider jedoch kein mediterranes Klima geniesse. Immerhin, das Wasser könne gut 20 Grad werden, wenn Väterchen Frost einziehe, gefriere aber die Amurbucht. Die andere bleibe eisfrei, was die Stadt zum hochstrategischen Punkt mache. 

Amur: Der grosse Tiger. Stolz der Bewohner und Wappentier. „Allerdings... wir haben wegen

Wappen grosses Diskussion, wie Tigerschwanz dargestellt werden soll. Wenn Tiger Schwanz nach unten legt, hat er Angst, 

wenn er nach oben stellt, will er Scheisse machen. Im Moment ist der Schwanz oben. Wappen hängt an Parlament!!! Sie verstehen.... ja? Alles nicht nicht so einfach!“

Nun schauen Sie links...grosses weisses Hochhaus. Hier mächtige Provinzverwaltung. Spitznamen des Gebäudes:„Weisheitszahn“! Wir biegen uns schon vor Lachen. 

Nun aber zur nächsten Visite. Der Bahnhof. Kunstvoll verziert.... pingelig renoviert, wie viele Haltestationen in Russland. Und heute wird gerade gestrichen. Der Innenraum leider gesperrt. So umrunden wir das Gebäude, denn wir möchten SIE sehen. 

Die alte Lok der Transsibirischen und die Säule, welche die Strecke nach Moskau angibt: 9288 Km. Sechs Tage dauert der Ritt. Die Stopps sind nur ganz kurz. Wenn man dieses Erlebnis mit mehr Luxus (eigenes Badezimmer) verbinden möchte: „Es gibt die Linie „Zarengold“, weiss Sergej. „Da werden auch Stadtrundfahrten und Ausflüge während der Strecke angeboten. Hat aber auch Zarenpreis!!“ Modenes Reisen heisst heute auch: „Kreuzfahrt“. Unser Spaziergang führt deshalb zum Terminal. Die Riesenbabuschka wartet schon auf die Touristen.


Draussen gerät Sergej ins Schwärmen. „Schauen Sie... unser Hafen. Heisst „Goldenes Horn“ und Brikke: Goldene Brikke!!

Das Ganze bietet steifen Charme, aber durchaus interessant.

Steiff sollte man bei der nächsten Station keinesfalls sein. Attraktion Nummer 1 bildet das Durchklettern eines ausgemusterten U-Bootes. 


36 Mann pferchte man in den eisernen Riesen. Wir quetschen uns durch drei Lucken. 


Maschinenraum

Schlafstellen

Torpedos.

Imposant. Frische Luft trotzdem sehr willkommen. Richtung Mittagessen werden wir die beiden berühmten Brücken befahren. Bei der ersten Überquerung hat man einen Wunsch frei.


Je einen auf der „goldenen Brikke“ und einen auf der neuen „Russkibrikke“, die über eine enorme Spannweite verfügt. Man sollte ja über Wünsche nicht sprechen. Aber der  Herr Ingenieur in unserer werten Gesellschaft bemerkt gleich laut: „Mein Wunsch ist am Ende der Brücken schon erfüllt.“ Die erst 2012  bestehende Verbindung zur vorgelagerten Insel, wird von den Einheimischen rege genutzt. Überall darf man pick-nicken und grillen. 

Danach geht es nicht selten zum Artilleriemuseum. Wir auch. Mit Kind und Kegel wird auf den Anlagen herumgeklettert. Sergej lässt aber durchaus und nicht ohne Selbstbewusstsein durchscheinen: „Heute ein Museum, aber in wenigen Tagen flott und immer noch einsatzbereit. Ausrichtung: Japan.“

Am Abend outet die Stadt auch noch etwas Eleganz. Wir speisen unter aussichtsreichem Kuppeldach. Das beste Restaurant der Stadt gleich neben der Oper. Blick auf goldene Brikke. 


Elegant und gediegen.


Sergej... Danke für die humoristische und wissenswerte Vorstellung Deiner Stadt und einen kleinen Einblick in den russischen Humor.

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Kommentare: 6
  • #1

    Ekke (Montag, 03 September 2018 12:51)

    Dem ist nichts hinzuzufügen
    Perfetto

  • #2

    Aline (Montag, 03 September 2018 15:17)

    Super Beitrag!
    In diesem Sinne -ganz viele Grüsse von der “Harbour-Brikke”

  • #3

    Hansueli Märki (Montag, 03 September 2018 16:33)

    Haben mich immer begeistgert, Russen mit Humor!!!!

  • #4

    Werner Weber (Montag, 03 September 2018 18:22)

    Sind ganz liebe Leute diese Russen. Sie haben ja auch, so die Legende, im Muotatal Spuren hinterlassen.

  • #5

    Albert Müller (Montag, 03 September 2018 19:07)

    Eine gewisse Aehnlichkeit mit der Babuschka hast du dort in Wladiwostock…
    Wieder herrliche Bilder, so dass ich gar nicht erst hingehen "muss"...habe alles stark aufgenommen, insbesondere die "weissen Weisheitszähne" im Gegensatz zu unsern stadtzugerischen zwei "schwarzen Dummheits- up towns"...

    Mit Dankesgruss aus der Republik

  • #6

    Klussi (Mittwoch, 05 September 2018 09:50)

    Danke für die Berichterstattung, die wie immer super ist! Du beschreibst deine Reise so toll, dass man gleich losstarten möchte! Wladiwostock ist ein Ort wo sicherlich nicht viele hinkommen! Weiter so � wünsche eine gute Heimreise!