Nostalgie im Land des Quo vadis

In Bezug auf die Atmosphäre muss man "KK" nicht unbedingt gesehen haben. Die Stadt am höchsten Berg Südostasiens, 4100 m, (Mount Kinabalu), die unter den Briten Jesselton hiess und früher in der einheimischen Sprache Api Api (die Feurige) und heute mit dem Kürzel "KK" zurecht kommen muss für Kota (Stadt) Kinabalu. 


Bis vor wenigen Monaten galt die Stadt aber als Magnet für Tierinteressierte und bildete Grund der Wahl als unsere nächste Destination. Ein Orang Utang Reservat lag in vernünftiger Fahrdistanz. Und Entfernung ist wichtig in Borneo, der drittgrössten Insel der Welt. Kurzerhand hat jedoch die Regierung die Affen umgesiedelt. Zu weit weg nun für uns. 

Als Alternativprogramm hat die Reiseagentur ein ganz besonderes Erlebnis aus dem Hut gezaubert. Eine Zugsfahrt. Auf zur Station.


Wir erreichen den Abfahrtsort, allgemeines Aussteigen aus dem Bus. Wo sind wir? Ein faulenzender Hund unter einem Auto, eine halb verfallene Betonanlage, keine Schienen...  menschenleer. 


Auch Gordon schaut etwas kariert aus der Wäsche. Er hängt sich ans Telefon, lächelt verstehend der Stimme aus dem Hörer entgegen. "Aha, der Bahnhof ist umgezogen!" "Nun, kann ja mal vorkommen", denke ich.


Gordon hat von dieser nicht mehr ganz neuen Neuigkeit, offenbar nichts mitbekommen, aber schnell ist Hilfe organisiert. Ein kleiner Toyota fährt vor und eskoriert unseren Bus schaukelnd über eine Baustelle. Eine topmoderne Bahnstation im hochglanzweiss erwartet uns.

Das ist irgendwie symptomatisch für diese Region. Ich bin mir nicht so ganz im Klaren, wie ich das Land einordnen soll. Aber eines ist offensichtlich. Es befindet sich im Wandel von alt zu modern, von arm zu etwas weniger arm, von traditionell zu ...... wohin denn...  die Staatsreligion ist der Islam, 

aber das Land hat auch einen sehr hohen Anteil an buddistischen und christlichen Chinesen.

Noch lebt man friedlich zusammen; aber Radikalisierung ist ein Thema.... und Korruption auch.

Für einen Morgen dürfen wir aber in die alten Zeiten abtauchen. Da steht sie, die Perle der Eisenbahngeschichte  Borneos. Die "Vulkan" Original-Lok samt diversen sorgsam restaurierten Zugskompositionen. 

Nicht dass nun die Meinung aufkäme, man könnte eine solche Fahrt einfach buchen. Vor 6 Monaten war die Lok jedenfalls nicht fahrtüchtig und falls sie es ist... mehr als fünf Mal im Jahr dampft sie nicht. Wann und wie oft überhaupt bleibt mir auch nach sanftem Nachfragen verborgen. 


Dass der Ritt exklusiv sein muss, zeigt sich jedenfalls entlang der Strecke. Überall staunende Kinder, gezückte Fotoapparate. 

Das historisch gekleidete Personal erwartet uns schon mit fröhlichem Winken. Adinin ist im Wagen namens "Pandar" unser Zugsbegleiter. Sein verschmitztes Lächeln zeichnet sich durch einen äusserst emanzipierten Eckzahn aus, der sich in seinen Zahnreihen vorwitzig gebärdet. 


Adinin führt uns ins Abteil. Wir sind begeistert. Orientexpress-Stimmung erfasst uns.  Die mit gestreiftem Plüsch bezogenen Bänkli in Bordeau-gold, das dunkle Tropenholz, die Jugendstillämpchen und an der Decke die surrenden Ventilatoren. 

Während wir uns in den Details verlieren, beginnt die alte Dame an der Spitze ein lautes Schnauben auszustossen. 


Der Heizer legt Scheit um Scheit Holz nach und schiebt diese in den hungrigen Feuerschlund. 

Ein gellender Pfiff, dunkler Rauch, jetzt noch schnell aufgesprungen; im Schritttempo zuckelt die Bahn aus der Station.

Very british wird nun ein Frühstück serviert. Toast mit Kokosnussmarmelde und diverse malayische Häppchen... 

und Tee. 


Koloniale Zeiten scheinen auf.

Innovativ aber auch wild muss es da zugegangen sein. Das Gebiet des heutigen Malaysia bestand und besteht immer noch aus diversen Sultanaten und Königreichen. Die Ankömmlinge aus dem Westen wurden nicht unbedingt freudvoll aufgenommen. Machtkämpfe durchziehen die Region bis heute, weil die britische Kolonialpolitik entgegen der lokalen Gegebenheiten ihre Interessen durchsetzte und Disharmonien hinterliess. So kann man sich im Land nicht auf ein Staatsoberhaupt einigen, sondern hat eine Art Wahlkönigtum eingeführt. Alle sechs Jahre darf einer der 6 Sultane König werden. Ein Rotationsprinzip. Frühzeitig verabschiedet haben sich die Herrscher von Singapur und der Sultan von Brunei. Sie gründeten eigene selbständige Staaten. 

Inzwischen nehmen wir die ersten Kilometer im Königreich Sabah unter die Räder. Ärmliche Fischerdörfer auf Stelzen wechseln mit modernen Bauten, Minarette mit chinesischen Pagoden. Würde die Fahrt die ganze Insel durchqueren, kämen wir in das Sultanat Sarawak. Ein Name aus 1001 Nacht. Und war von hier nicht auch der legendäre "Sandokan"? Wie himmelte ich damals Kabit Bedit  im gleichnamigen Film an. Sandokan ist keine Legende, sondern lebte wirklich zur Kolonialzeit in der Region. Aber Hollywood beförderte ihn kurzerhand zum Prinzessinnenverführer...ich bin verblüfft, den wahren Grund seiner Bekanntheit zu erfahren. Es ging um: Schwalbennester!! Damals wie heute bildet die Schwalbennestsuppe eine unverzichtbare Mahlzeit bei wichtigen chinesischen Anlässen. Die Preise für ein unter gefährlichen Umständen geerntetes Nest waren und sind sehr hoch. Sandokans Familie besass einen attraktiven Teil Klippenküste und lebte von diesem lukrativen Geschäft, bis die Engländer aufkreuzten und die Rechte der Einheimischen an den Schwalbenhöhlen aberkannte. 

Der Zug hält an. Wassertankstopp für 30 Minuten. Es passt nun thematisch gerade nicht schlecht, dass wir einem Chinesischen Tempel, der an der Strecke liegt, einen Blitzbesuch abstatten können. Gordon, selber Halbchinese, führt uns in die Opfertrrituale ein. 

In Schalen liegen Blätter, und eigenartige Gegenstände. Diese symbolisieren Geld oder andere Dinge, die den Göttern nützlich sein könnten und die von den Gläubigen gekauft werden und so als Gabe gebracht werden. Ich wende mich dem Tisch mit dem Orakel zu.

Zwei rote Holzhälften. Man stellt eine Frage (im Geheimen) und lässt die Stücke auf den Tisch fallen. Je nach dem wie die Teile aufliegen, ist die Frage mit Ja oder Nein beantwortet. Ich habe einen Glückswurf... yeahhhh... das Orakel sagt JA. Ying & Yang!!!

Es heisst wieder einsteigen. Der einzige Tunnel Borneos, 100m, ist ein Ereignis. Ansonsten entspannen wir mit Aussicht auf verwilderte Reisfelder und Dschungelgebiet. Nach einer halben Stunde: "Pandar!!" Endstation. Die Lok wird hier gekehrt. Man empfielt, während der Rangierzeit beim lokalen Markt vorbeizuschauen. Ein guter Tipp. Ein buntes Gewusel. Garküchen, Exotische Gemüse, Ramsch und Kitsch. Fritierte Banane... fein. 

Wir schwitzen uns bei drückender Hitze wieder Richtung Bahnhof. Doch die Lok hat sich noch nicht bewegt. Das Drehkreuz, das die Lok wenden sollte, hat keinen Strom. Schliesslich wird die alte Vulkan einfach umgekehrt angehängt und der Rückwärtsgang betätigt Geht doch auch so. 

Adinin lenkt uns jetzt aber mit dem Mittagessen ab. Das Menue kommt höchst originell in einer Art Gamellenturm daher. Sämtliche Gänge sind schon in den einzelnen Gefässen angerichtet. 

Angetan hat es mir die Garnele, die ihren letzten Schlaf auf einem Farnbett schlummert. Letzterer ist nicht etwa Dekoration, sondern gedünstet. Meine Première: Schmeckt ähnlich wie Spinat. 


Im Lautsprecher scheppern die alten Lieder der 50-iger Jahre. Eine besondere Fahrt. 

Meine Gedanken schweifen ab. Quo vadis Malaysia? Ich bleibe an zwei Bildern hängen, die ich tags zuvor in der Nationalgalerie von KK  gesehen habe. 

Das Werk "Hello Money" ein Kind, das die Hand aussteckt (bettelnd oder bereits vom Materialismus verführt?). 

Erst beim Nähertreten merkte ich, dass das gesamte Bild aus Nägeln und Fäden besteht. Da könnte man stundenlang philosophieren. Nachdenklichkeit pflegen. 

Das andere Bild spielt mit einer kindlichen Traumwelt. Naive Malerei. Es trägt den Titel: "Die Wunder der Glühwürmchen". 


Ich wünsche den Malayen, dass sie sich auf ihrem Weg in die Zukunft möglichst viel von dieser Zauberwelt erhalten können.


Kommentar schreiben

Kommentare: 0