Dramaturgia in Down Under

Was wäre Sydney ohne "sie"?  Gleich gegenüber der Brücke fächert sie elegantissima ihre weissen Segel auf. Die Opera. Alles was in Tanz, Gesang und Musik Rang und Namen hat, durchschreitet ihre Pforten. Diese Saison wird Othello gegeben. In stürmischem Applaus wird hier dem Drama gehuldigt. 

Dabei blickt das Bauwerk selber eine aufwühlende Entstehungsgeschichte zurück. Sie, die Oper, war nicht die mit offenen Armen empfangene Geliebte, denn was ursprünglich für 7 Mio veranschlagt war, endete in einem 102 Mio Desaster. Schliesslich mündete das Unterfangen aber doch in einem Happy End für Sydney, das heute jedes Jahr 2 Millionen Besucher im Tempel der Muse und der Architektur empfangen darf, aber zugleich auch in einer menschlichen Tragödie des Protagonisten des genialen Gebäudes. 

Auf einer Führung tauche ich ein in diese konträre Geschichte.

In der Aufbruchstimmung Ende der 50iger-Jahre sah man sich in der Politik Australiens nach einer kulturellen Aufwertung des Landes um und schrieb einen internationalen Wettbewerb für eine Oper im Sydney Hafenbecken aus. In letzter Minute wurde der Entwurf Nr. 218 eingereicht. Die Jury musste sogar noch ein zweites Mal tagen und kam zum Schluss, dass die Zeichnung des dänischen Archtitekten Jørn Utzon

jene visuonäre Komponente enthalte, die allen andern Eingaben gefehlt hatte. Es war allerdings nur eine hingeworfene Skizze, statische Angaben fehlten. Trotzdem ging die Zeichnung als Gewinnerin hervor.

Voller Enthusiasmus wurde die Baustelle drei Jahre später gestartet, die Plattform erstellt. Das Ungemach stellte sich jedoch bald ein, als es an die Konstruktion der einzelnen "Segel" ging. Die Ingeneure kamen zum Schluss, dass die Formgebung nicht wie angedacht verwirklicht werden könnte. 

Es war Utzon selber,  der das Problem in Anlehnung an astronomische Erkenntnisse lösen konnte, in dem er einer Hängebrücke gleich, strahlenförmig Stahlseile einbetonieren liess. Das Monument ist also sozusagen nicht gebaut, sondern an Strängen aufgehängt. Eine revoluzionäre Technik im Hochbau war erfunden. 

Dies half nicht über die Tatsache hinweg, dass der Bau auf der ganzen Linie experimentellen Charakter aufwies. Die Ideen des Architekten zerrieben sich fortwährend mit den Berechnungen der Statiker. Es kam zum Bruch. Jørn Utzon zog sich aus dem Projekt zurück. Die Vollendung rückte in unerreichbare Sphären.  Ein australisches Architektenteam war es schliesslich, das einen letzten Anlauf nahm. Die Queen eröffnete nach 12 Jahren Bauzeit das Werk. 

Sein Schöpfer wurde an der Zeremonie nicht einmal mit Namen erwähnt. Er bekam 1982 den renomiertesten aller Architekturpreise für seinen Entwurf. Persönlich hat er sein Oevre nie gesehen.

Wir betreten die Vorräume der Oper mit der gerade neu gestalteten Lounge. Violett. 

Gerade hier hat die Geschichte in den letzten Monaten eine versöhnliche Geste erfahren. Wir bleiben an einen grossen feurigroten Wandbehang stehen. Utzon hatte bei Corbusier eigens für das Foyer eine Wandgestaltung in Auftrag gegeben. Behielt aber, nachdem er sich mit der Bauherrschafft überworfen hatte, das Werk zurück. Sein Sohn, der sich heute als Architekt für den Erhalt der Ideen seines Vaters einsetzt, hat es wohl möglich gemacht, dass der Teppich nun dort hängt, wo er hingedacht war. Erst seit 9 Monaten.


Eine kleine Versöhnung. 

Faszinierend ist das Gebäude allemal.

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